MESOPOTAMIA NEWS : Coronavirus in Nordsyrien – Warum es offiziell kaum Infizierte gibt
von Jörg Brase – DIE ZEIT – 10.04.2020
Das Coronavirus hat den Norden Syriens bislang verschont, heißt es. Doch Ärzten in Idlib begegnen erste Verdachtsfälle. Tests können sie aber nur in ganz schweren Fällen machen.
Bisher gibt es im Norden Syriens keine offizielle Corona-Infektion. Auch, weil kaum getestet wird. Dr. Makki aus Idlib erzählt, wie schwierig die Arbeitsbedingungen im Labor sind.
Der Mann hat Fieber, fühlt sich schlapp. Dr. Satoof untersucht ihn, mit Mundschutz, Handschuhen und so viel Abstand, wie es eben geht. Ob er nicht einen Test auf das Coronavirus machen wolle, wird er gefragt.
Die Symptome seien durchaus da. Doch Dr. Satoof ist unsicher. “Unsere medizinischen Mittel sind knapp”, sagt er, “wir machen deshalb nur bei ganz schweren Fällen einen Corona-Test und schicken ihn ins Labor.” Der Herr, der da vor ihm auf der Behandlungspritsche sitzt, ist offenbar noch nicht krank genug. Er wird daher wohl keinen Test veranlassen.
Für Verdachtsfälle gibt es Notaufnahme-Zelte
Dr. Satoof leitet das städtische Krankenhaus in Idlib. Um Verdachtsfälle von anderen Kranken zu trennen, haben sie im Eingangsbereich Notaufnahme-Zelte aufgebaut. Jeder, der das Krankenhausgelände betritt, bekommt die Temperatur gemessen und muss sich die Hände desinfizieren.
Karte: Idlib liegt im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze.
Im Wartebereich liegen Broschüren, die über das Coronavirus informieren. Ein paar Info-Poster hängen aus. Das war es dann auch. “In unserem Operationssaal haben wir sieben Beatmungsgeräte. Die können wir bei Bedarf auch für Corona-Patienten nutzen”, sagt Dr. Satoof, “andere medizinische Geräte aber sind Mangelware. Und er prophezeit:
Sollte sich das Virus in Idlib ausbreiten, wären unsere Vorräte innerhalb weniger Tage aufgebraucht.
In Zeltlagern nahe der Türkei harren Hundertausende aus
Drei Millionen Menschen sollen es sein, die in der Provinz Idlib leben. Fast zwei Drittel sind aus anderen Landesteilen hierhergekommen. Sie flohen vor den Kämpfen in diesem Bürgerkrieg nach Idlib, die letzte Hochburg der Opposition gegen das Assad-Regime in Damaskus.
Hunderttausende sitzen in Zeltlagern entlang der türkischen Grenze. Bewacht von türkischen Truppen, die verhindern sollen, dass die Flüchtlinge ins Nachbarland kommen. Fast vier Millionen syrische Flüchtlinge hat die Türkei bereits aufgenommen. Mehr dürfen es nicht werden.
Dr. Muhammad Makki leitet das epidemologische Testlabor in Idlib. Das einzige in der Region. Seit ein paar Tagen erst kann er Corona-Tests durchführen, denn erst dann kamen die seit langem versprochenen Testgeräte an, mit denen die Proben ausgewertet werden können. “Wir hatten 20 Personen, bei denen es einen Corona-Verdacht gab”, berichtet Dr. Makki, “aber alle Tests waren negativ.”
Es mangelt an Test-Kits
Insgesamt verfügt er nur über 1.000 Test-Kits. Da überlegt man sich genau, wann man diese einsetzt, und wann besser noch nicht.
Dass wir bislang in den Teilen der Region, in denen wir uns sicher bewegen können, noch keinen Fall hatten, bedeutet nicht, dass wir nicht irgendwann einen haben werden.
Was dann passiert, daran will Dr. Makki lieber nicht denken. “Wir haben keine Isolierzimmer. Unser Personal hat nicht genug Masken und Handschuhe.” Wenn das Virus auch Idlib erreicht, “dann Gnade uns Gott!”