MESOPOTAMIA NEWS : ADIEU KOLLEKTIVE DEUTSCHE HALTUNGSPRESSE  – ALTERNATIVE NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – GROSSBÜRGERLICHE GELASSENHEIT !

NZZ macht Haltungsmedien nackt – dürfen die das? Von René Zeyer

21 Juli 2019 – Damals, als wir alle links waren, las ein Freund von mir „Le Monde“. Das war okay. Aber er las auch die NZZ. Das war überhaupt nicht okay. Seine Entschuldigung, dass das Blatt über ein eng geknüpftes Korrespondentennetz verfüge, war damals für mich nur eine bedauerliche ideologische Verirrung, der man in der Schweiz leider nicht mit der Einweisung in ein Umerziehungslager begegnen konnte. Hatte nicht der große Schweizer Reporter Niklaus Meienberg selig mit seinem üblichen polemischen Witz Mutmaßungen darüber angestellt, wofür das Kürzel Bü. des damaligen Chefredakteurs Hugo Bütler eigentlich stünde? Für Bückling? Nein, für Bürgertum. Genauer für den Klassenfeind in seiner hässlichsten Ausformung: das Großbürgertum.

Sowohl vor wie nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, also ab 1990, litt die NZZ unter einem Problem: Liberalismus, liberale Publizistik, keine Position hat in der Geschichte der Neuzeit, in der es so etwas wie eine liberale Ideologie gibt, dermaßen häufig eine Niederlage nach der anderen erlitten. Stumpf-dumme Rechtsradikalität siegte und legte Europa in Trümmer, begleitet von Organen wie „Der Stürmer“. Der Sozialismus siegte und pervertierte sich zu einem stalinistischen System der Selbstauslöschung, begleitet von Organen wie der „Pravda“ oder „Neues Deutschland“. Aber der Liberalismus siegte nirgends und niemals.

Außer im Sonderfall Schweiz, wo die bürgerliche Revolution 1848 im Gegensatz zum übrigen Europa triumphierte. Und die Schweizer FDP, der sich die NZZ bis heute verpflichtet fühlt, stellte bis 1891 alle 29 Bundesräte, erst dann rückte ein erster Vertreter der CVP, der Schweizer Christlichsozialen, an ihre Seite.

Die Wirklichkeit wahrhaftig erfassen

Von da an ging’s bergab, kann man über die FDP sagen. Aber nicht über die NZZ. Mein erster Kontakt, so viel Biografie muss sein, war 1991, als ich auf die kühne Idee kam, „Unser Mann in Havanna“ sein zu wollen. Also bot ich mich überall an, und am schnellsten reagierte die NZZ, erst lange danach die WoZ, die Schweizer Wochenversion der taz. Bei der ersten Besprechung teilte man mir bei der NZZ mit, dass man schon über meine Vergangenheit in der Studentenbewegung und beim „Konzept“, dem Nukleus der WoZ, informiert sei. Also schlug die NZZ vor, dass ich doch mal unter „Vermischte Meldungen“ aus dem Alltag berichten solle. So könne man sich langsam aneinander herantasten.

 

Die Geschichte endete dann damit, dass ich nach ständigen, rein professionellen Querelen mit der WoZ das Angebot der NZZ, exklusiv und vollamtlich für sie tätig zu sein, gerne annahm. Was ich aus diesen vergnüglichen Jahren lernte: Zentral gelenkte Planwirtschaft funktioniert auch auf Kuba nicht. Und es war kein Scherz, als mir der für mich zuständige Redakteur mal sagte, dass die NZZ eigentlich die WoZ aufkaufen sollte. Dann seien endlich alle intelligenten Schreiber im Haus. Denn in der NZZ zählte damals und bis heute der intelligente Versuch, die Wirklichkeit wahrhaftig zu erfassen, mehr als jegliche Ideologie.

Auch die NZZ spürt die Verknappung, die Einschränkungen, das Ende der glorreichen Zeiten, wo der Asienkorrespondent sich noch kurz abmelden konnte, er sei dann mal eine Weile in Mikronesien unterwegs, und nach Rückkehr gebe es mindestens eine Seite. Auch meine Korrespondenz nach der Devise „wenn nichts los ist, schreiben Sie um Himmels willen nichts, wenn etwas los ist, müssen Sie doch wissen, ob das eine Notiz oder eine Seite wert ist“, neigte sich dem Ende zu.

Mit großbürgerlicher Gelassenheit

Niemals wurde ich zensuriert, aus ideologischen Gründen zurechtgewiesen. Weder von Kuba, noch von meinem Organ. Im Gegenteil. Nach der großartigen Devise, dass Aktualität wenn schon von der NZZ bestimmt wird, erschien zum Beispiel ein längere Zeit auf Halde liegendes Loblied auf das immer noch und gratis funktionierende Gesundheitssystems Kubas genau dann, als weltweit über eine Welle von Kubaflüchtlingen berichtet wurde, die mit Todesmut und selbstgezimmerten Flößen die Überfahrt nach Florida wagten, um dem Regime zu entkommen.

Immer wichtiger wird aktuell die Grundhaltung der NZZ, mit großbürgerlicher Gelassenheit auf Ereignisse zu reagieren. Keine schrillen Töne zu verwenden, Analyse, Einordnung, Kommentar zu liefern, so kenntnisreich und authentisch wie möglich. Ein einsamer Leuchtturm.

Nicht nur aus eigenem Vermögen. Sondern weil mit dem Aufkommen des neuen Juste Milieu die Rechthaberei im Haltungs-Journalismus voraufklärerische Zustände erreicht. Umso mehr diesen Kämpfern für das angeblich Gute und Richtige die Felle davonschwimmen, umso schmerzlicher sie erkennen müssen, dass ihre Lufthoheit über den öffentlichen Diskurs vorbei ist, umso großinquisitorischer rempeln sie gegen alles, was dem vermeintlich Korrekten und Besseren der Menschheit im Weg steht. Mit dem flackernden Blick des Fanatikers, der genau zu wissen meint, was gut und richtig, und daher auch, was falsch und nichtig ist.

Blanker Neid in D und CH

Der ehemalige Chef des deutschen Verfassungsschutzes wagte es vor kurzem, die NZZ als das neue Westfernsehen zu bezeichnen. Er meinte damit, dass die NZZ auch in Deutschland als ein Organ wahrgenommen wird, das sich wohltuend vom Haltungs-Journalismus der Mainstream-Medien unterscheidet. Er meinte damit, dass man sich bei der NZZ wenigstens darauf verlassen kann, dass ein Fälscher und Bediener der Vorurteile der urban-linksgrünen Schickeria wie Claas Relotius bereits nach der ersten Unstimmigkeit keine weiteren Lügenartikel mehr schreiben darf. Ist zudem Maaßens Meinung, nicht die der NZZ.

Das trägt ihr blanken Neid in Deutschland und in der Schweiz ein. Wer heutzutage die NZZ lobt, muss sich auf Prügel gefasst machen, wie das Blatt selber auch. Ein erst unlängst verschriftlichter Vortrag des Philosophen und Soziologen Theodor Adorno über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ aus dem Jahre 1967 muss dafür herhalten, um die Kollegen von der NZZ zu beschimpfen, „durch raunende Artikel über sogenannte Sprechverbote und das Ankläffen gegen einen vermeintlichen Mainstream“ den deutschen Markt erobern zu wollen, und das erst noch „aus wirtschaftlichen Erwägungen“.

So fällt der Zürcher „Tages-Anzeiger“ über die NZZ her, Bestandteil des monopolartig die Hälfte des Tageszeitungsmarkts beherrschenden Tamedia-Konzerns: geradezu ein Paradebeispiel für das, was Adorno unter negativer Dialektik verstand. Der Kritiker missversteht das Ansinnen Adornos, vor einem Aufkommen eines neuen Faschismus zu warnen. Anlässlich der Gründung der NPD, einer Nachfolgeorganisation des Hitler-Faschismus vor mehr als 50 Jahren. Denn die „Konzentrationstendenzen des Kapitals“, wie Adorno damals marxistisch argumentierte, zusammen mit dem fehlenden Klassenbewusstsein sich depraviert fühlender Schichten und einem allgemeinen „Hass auf den Sozialismus“ in der damaligen Welt des Kalten Krieges böten den Nährstoff für eine mögliche Wiederholung der Hitlerei.

 

Was hat das mit der heutigen Aktualität zu tun? Eigentlich nichts. Außer, dass ein Redakteur ungewollt Zeugnis dafür ablegt, was die NZZ zunehmend von den meisten Medien in Deutschland und in der Schweiz unterscheidet: In ihr kommt es sehr, sehr selten vor, dass ein Artikel publiziert wird, der erkennen lässt, dass hier jemand oberhalb seiner intellektuellen Gehaltsklasse argumentiert. Und das ist im zunehmenden „Wisch und weg“-Journalismus, klickratengetrieben, der aus diesem Vortrag, der nicht gerade eine Sternstunde war, den Titel „Die „Tricks“ der Rechten“ aufschäumt, eine Wohltat.

Debatte durch Diffamierung ersetzen

Der Chefredaktor der NZZ bekommt meist Gegenwind, wenn er deutsche Ereignisse kommentiert. Eric Gujers „anderer Blick“ lässt regelmäßig das Juste Milieu aufheulen. So definierte er unlängst den Begriff „hässlicher Deutscher“ neu: Der trage „keinen Stahlhelm mehr, er belehrt die Welt moralisch“. Denn wenn eine deutsche Kapitänin in Italien vor Gericht gestellt wird, vergesse selbst Bundespräsident Steinmeier das Völkerrecht und greife „zur Moralkeule“. Die NZZ umwerbe „deutsche Rechtspopulisten“, keulte da Tamedia zurück. Wenn es um Erregungsbewirtschaftung geht, darf natürlich auch die „Republik“ nicht fehlen. Ein Schweizer Online-Magazin, das unsere urban-linksgrüne Schickeria bespaßt. Selber von gröberen finanziellen Probleme gequält, neidet die „Republik“ der NZZ den Erfolg in Deutschland: sicher habe das Blatt AfD-kritische Artikel veröffentlicht. Aber das ändere ja nichts daran, dass die AfD zu den „neuen Freunden“ der NZZ gehöre, das Herz des AfD-Vorsitzenden Gauland „hüpft vor Freude“ bei der Lektüre von Eric Gujers Leitartikeln, weiß ein „Republik“-Schreiberling, der dort sein Stethoskop hingehalten hat.

 

Aber er würde seinem Ruf als linker Großinquisitor nicht gerecht, wenn er nicht auch gleich die „Frage nach dem Rücktritt von Eric Gujer stellt“. Die würde sich „in jedem normalen Medienhaus“ aufdrängen. Interessant, was man bei der „Republik“ für normal hält. Selbst das Boulevardblatt „SonntagsBlick“ diagnostiziert „Gastbeiträge mit Pegida-Rhetorik“ und freut sich über einen „Shitstorm von linksliberaler Seite“ gegen die NZZ. Mit liberal hat ein Shitstorm etwa so viel gemein wie Gujer mit Gauland. Keinem dieser Kritikaster fällt auf, dass Debatte durch Diffamierung zu ersetzen keinen sinnvollen Beitrag zu Aufklärung oder Erkenntnisgewinn leistet.

 

NZZ-Chefredakteur Gujer sah sich unlängst in einem Interview gezwungen, den Begriff „Westfernsehen“ richtigzustellen. Bei allem Verständnis dafür, er als letzter NZZ-Korrespondent in der DDR wisse, was dieses Wort impliziert, und die deutsche Medienlandschaft sei sicherlich nicht mit dem „Neuen Deutschland“ und der damaligen Ostpresse vergleichbar. Auch die Verwendung des Begriffs „Bio-Deutsche“ in einem Artikel über die Tatsache, dass Deutsche ohne Migrationshintergrund in vielen Städten bereits eine Minderheit darstellen, führte zu Aufheulen in der Schweiz und in Deutschland. Dabei ist der Begriff, wie Gujer richtig festhält, im Duden neutral definiert.

Die Sorge wächst

Man muss und darf nicht mit allem einverstanden sein, was die NZZ publiziert. Aber in den Tiefebenen des Journalismus, in denen die richtige Haltung immer wichtiger wird als das richtige Argument, in denen unter Luftabschluss die eigene Filterblase bedient wird, in denen Rechthaberei viel wichtiger ist als Wahrhaftigkeit, in denen schon mit dem ersten Satz klargestellt werden muss, wofür, wogegen, mit welcher Haltung der Autor schreibt, ist die NZZ so nötig wie nie zuvor. Denn aus der alten Tante ist eine attraktive Schönheit geworden. Wenn man das in Zeiten des #MeToo noch sagen darf.

Hat die NZZ deswegen in Deutschland zunehmenden Erfolg, findet sie deswegen immer mehr Gehör, weil sie die Ideologie der Rechten, der Rechtspopulisten, der Rechtsradikalen bedient? Kann man ihr vorwerfen, sie tue “herzlich wenig gegen die Schalmeienklänge aus der rechtsradikalen Ecke“, wie sich die „Republik“ nicht entblödet zu keifen? Natürlich unterstützt von der „Süddeutschen Zeitung“ und allem, was sich in Deutschland für angeblich liberal, im Zweifel links hält. Nein, die NZZ hat nicht zuletzt deswegen Erfolg, weil „Die Zeit“ bereits das zweite Mal unter einem Shitstorm einknickte. Sie hatte es gewagt, ein Pro und Contra über Aktionen wie von Kapitänin Rackete zu publizieren. Und krebste unter Entschuldigungen zurück. So etwas tut man in Helldeutschland nicht.

Die NZZ hat keinen Anlass, zurückzukrebsen. Sie hat sich auch, im Gegensatz zu manchen deutschen Organen, manchen deutschen Schreihälsen, weder vor 1933 noch nach 1945 nichts vorzuwerfen, was ihre Distanz zum Gröfaz und dem deutschen Mörder-Faschismus betrifft. Das gibt die nötige Souveränität und Gelassenheit, nicht nur über die „Wir-schaffen-das“-Parteien zu berichten, sondern eben auch über die größte Oppositionspartei, die gute Chancen hat, in den anstehenden Wahlen sogar größte Partei zu werden. Und das ist halt die AfD.

Bevor auch die „Basler Zeitung“ vom Tamedia-Konzern einverleibt wurde, bevor sich auch dort die in Zürich zusammengerührte Einheitssoße auf die Leser ergoss, wunderte ich mich gelegentlich, dass Hunderte, manchmal Tausende von Lesern aus Deutschland meine Artikel weiterverbreiteten. Mich beunruhigte dabei, dass so viele kommentierten, ob sie mit meiner Position einverstanden waren oder nicht, wie erfrischend es sei, solche Meinungen lesen zu können, wie beneidenswert die Schweiz für ihre Publizistik sei. Und wie vieles in Deutschland nicht mehr publiziert werden könne. Oder wenn, mit der unheiligen Trinität „Rechtspopulist“, „Hetzer“, „Faschist“ niedergeknüppelt werde. Aber immerhin, BaZ-Redakteur Serkan Abrecht wagte es am Samstag, eine Lanze für die NZZ zu brechen. „Die einzige Schweizer Zeitung von Weltformat“, hebt er an, sie störe seit vier Jahren erfolgreich den deutschen Gottesdienst, und „was der Zeitung heute an Kritik und Hass entgegenschlägt, ist nichts anderes als ein Ritterschlag“, schreibt er.

Der Journalist hatte schon unlängst mit einer Polemik gegen den Klimastreik jeden Freitag den Gottesdienst in der Schweiz gestört. Das brachte ihm bereits Beckmesserei von den Schweizer Großinquisitoren ein; Abrecht habe schon in der Zeit vor der Übernahme des Mantelteils der BaZ durch Zürich angeblich eklatante Fehlleistungen erbracht. Die bestehen aber größtenteils darin, dass Abrecht ab und an gegen den Mainstream schwimmt. Wie lange noch, ist allerdings die bange Frage. Denn für all diese Großinquisitoren und Besitzer der moralisch guten und richtigen Wahrheit in Deutschland und in der Schweiz hört Meinungsfreiheit dann auf, wenn man nicht ihrer Meinung ist.