MESOP “PAUL COLLIERS WELTFORMEL” – DIE MÖRDERISCHE FLÜCHTLINGSPOLITIK DER DEUTSCHEN NGO’S (VON PRO ASYL ÜBER MEDICO INTERNATIONAL BIS WADI e.V.)

Oxford-Professor Paul Collier attackierte Merkels Politik der offenen Grenzen so scharfsinnig, dass ihn die Bundesregierung als Berater engagierte. Nun legt er einen Plan vor – für eine Revolution des globalen Asylsystems. Auf der Leinwand flimmert das Bild eines Flüchtlingscamps in Jordanien. Weiße Wohncontainer mit blauem UN-Logo. Paul Collier nickt finster. Mit einem Mal wirkt er ruhig. Und als er zu sprechen beginnt, ist der Saal gebannt. Paul Collier weiß, wie man eine gute Geschichte erzählt: Man beginnt mit dem Bösen.

“Das da”, sagt er und zeigt abfällig auf die Leinwand, “das ist alles, was das Hochkommissariat der Vereinten Nationen aus 60 Jahren Flüchtlingsarbeit gelernt hat. Das ist alles, was sie zu bieten haben.” Der Professor lässt seinem fachlichen Ärger bühnenwirksam freien Lauf. “Eine brütende, modernistische Hölle.” Monotone Flüchtlingslager, nichts verabscheut er mehr.

Paul Collier ist Wirtschaftswissenschaftler in Oxford. Der 68-Jährige weiß so viel wie kaum jemand über afrikanische Ökonomie. So ist er zur Koryphäe geworden auf einem Gebiet, das lange nur wenige Spezialisten interessierte, heute aber ganz Europa: Flucht und Migration. Er hat Angela Merkel radikal kritisiert – und so klug argumentiert, dass die Bundesregierung ihn später als Berater engagierte. Sein neues Buch mit dem Titel “Gestrandet” ist eine Generalabrechnung mit 70 Jahren globaler Fluchtpolitik. Und es ist das Plädoyer für einen radikalen Neustart. Collier glaubt, das Rezept dafür zu haben, die Weltformel. Wendet man seine Formel an, ist das Resultat in den Augen des Forschers: eine bessere Welt. Für Flüchtlinge genauso wie für die Menschen in Europa.

Collier wählt als Analogie den Ersten Weltkrieg. Der Mord an Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo sei der Funke gewesen, der die Katastrophe auslöste, die sich über Jahrzehnte zusammengebraut hatte. Bei der Flüchtlingskrise sei es ähnlich.

Die lange Verkettung der Fehler begann 1951, so Collier, mit der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Konvention garantiert politisch Verfolgten das Recht, in einem anderen Staat um Asyl zu bitten. Die Konvention war ursprünglich befristet und auf Europa begrenzt. Aber sie blieb bestehen – und wurde global wirksam. Mit unkontrollierbaren Folgen. Heute, da sich Millionen Menschen auf eigene Faust auf den Weg machen können, bis an die Grenzen wohlhabender Staaten, entstehe ein unwiderstehlicher Sog.

Alles habe also mit einem juristischen Kardinalfehler begonnen. Gleichzeitig laufe auch die Hilfe falsch. Flüchtlinge hätten seit Jahrzehnten die Wahl unter drei schlechten Optionen: Vegetieren in einem Lager, in Städten illegale und schlecht bezahlte Jobs machen – oder die gefährliche Reise nach Europa riskieren.

Diese Wanderung erscheine verlockend einfach. Die EU sei nämlich vor mehr als einem Jahrzehnt dem erlegen, was Collier nicht ohne Verachtung “eine von politischen Gefühlen getriebene Vision” nennt: Schengen. 2003 wurden die Grenzen in Europa begleitet von Friedenspathos abgeschafft – die Außengrenzen aber kaum geschützt. “Schöne Worte sind nutzlos, wenn sie die Realität missachten”, schreibt Collier. “Europa hat ein Pulverfass geschaffen.” Der Funke der Migrationskrise war in Colliers Analogie die Selbstverbrennung des jungen Tunesiers Mohamed Bouazizi, dessen Tod 2011 den “Arabischen Frühling” auslöste. Aus dem Frühling wurde ein düsterer Herbst, in dem Staaten implodierten, auch Syrien.

Millionen Syrer waren auf der Flucht, kamen in Lagern und Städten der Nachbarländer unter. Europa schaute weg. “Eine ethische Katastrophe”, nennt Collier das. Am Ende steht die deutsche Grenzöffnung. Sie ist für ihn nicht moralische Großtat – sondern eine panische Reaktion auf das unmoralische Vorspiel. “Das mächtigste Amt in Europa wurde kurzzeitig von einem kopflosen Herzen kontrolliert”, schreibt Collier. Großherzige Gesinnung reicht nicht. “Unsere Reaktionen müssen auf klugen Entscheidungen basieren.”

Die offenen Grenzen hatten in seinen Augen unmoralische Konsequenzen. Jugendliche seien von den Eltern schutzlos nach Europa vorgeschickt worden, Hunderttausende Wirtschaftsmigranten illegal dorthin gereist, selbst aus – im afrikanischen Maßstab – wohlhabenden Ländern wie Marokko. Die EU habe sich wie nie zerstritten. Auch den Brexit hält Collier für eine Folge der Flüchtlingskrise. Der Forscher ist kein Diplomat. Auch auf dem Podium in London nicht.

Der Mann in Beige wählt Worte, die kaum überhört werden können. Merkels berühmter Satz “Wir schaffen das!” müsse ergänzt werden mit dem Satz: “Allerdings könntet ihr auf dem Weg ertrinken.” Schon vor einem Jahr zürnte Collier, die Kanzlerin trage Schuld am Tod Tausender Menschen. In seinem Buch wiederholt er den Vorwurf. Aber mit Merkel verbindet den Professor mittlerweile so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Sie ist seine Verbündete im Kampf um Reformen. Collier arbeitet nun für die Bundesregierung. Deutschland hat die G-20-Präsidentschaft inne – und Merkel rückt Afrika in den Mittelpunkt, weil von dort die nächsten Flüchtlingskrisen drohen. Collier liefert die Ideen. Eine Traumposition für jemanden, der etwas bewegen will.

Etwas bewegen ist eine Untertreibung. Collier will alles von Grund auf verändern mit seiner neuen Zauberformel. Deren erster Teil lautet so: Europa muss seine Außengrenzen schützen. Es gibt kein Recht auf Migration aus wirtschaftlichen Gründen. “Von sieben Milliarden Menschen auf der Erde lebt nur eine Milliarde in den Traumländern.” Die Hälfte der restlichen sechs Milliarden würde sich wohl auf den Weg machen, wenn sie könnte. Die Erde sei in Nationen eingeteilt, und das sei sinnvoll. Sonst drohe Überforderung und Chaos.

Flüchtlingen aber müsse fairer geholfen werden. “Politiker und Medien konzentrieren sich auf die zehn Prozent Flüchtlinge, die entwickelte Länder zu erreichen suchen”, kritisiert Collier. “Sie verlieren dabei das Schicksal der restlichen 90 Prozent aus den Augen.” Jene Mehrheit der weltweit 65 Millionen Flüchtlinge, die innerhalb ihrer Heimatländer vertrieben wurden oder in die Nachbarländer. “Deutschlands Willkommenskultur wirkte ausgesprochen selektiv.” Soll heißen: Die besten Chancen hatten junge, risikobereite Männer, die über Geld für Schleuser verfügten.

Eines von Colliers zentralen Argumenten für sein System ist eine simple Rechnung: Die Betreuung eines Flüchtlings kostet in Europa 135 Mal so viel wie in einem Entwicklungsland. Deshalb sollen die reichen Länder künftig ihr Geld in jenen Ländern investieren, in die Menschen zuerst fliehen. Und zwar nach einem neuen Prinzip – nicht in die Flüchtlingslager, die Collier so hasst, Camps, die seit Jahrzehnten existieren, die Brutstätten von Frust, Gewalt und Radikalismus sind. Colliers Idee: Flüchtlinge müssen legal in Städten leben und arbeiten dürfen. Reiche Länder müssen Jobs nahe an den Krisenregionen schaffen, Sonderwirtschaftszonen einrichten. Die Flüchtlingshilfe muss Teil der Globalisierung sein, große Konzerne sollten eine Rolle spielen.

So geschieht es jetzt in Jordanien, wo auf Colliers Initiative ein neuartiges Abkommen geschlossen wurde. Internationale Geldgeber zahlen zwei Milliarden Dollar, Jordanien erteilt dafür 200.000 syrischen Flüchtlingen eine Arbeitserlaubnis. Sie können in Sonderwirtschaftszonen arbeiten. Die Jobs dort passten besser zur Ausbildung der Flüchtlinge in Deutschland. “Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die Sonderstellung der deutschen Industrie in der weltweiten Produktion absolut ungeeignet ist für Flüchtlinge aus einem armen Land”, schreibt Collier. Deutsche Firmen sollten lieber – begleitet vom Staat – einfache Produktionsschritte in die Türkei, den Libanon oder Jordanien verlegen.

“Dies alles – und das ist das Entscheidende – erfordert ein gewisses Maß an Solidarität, von der immer noch nichts zu sehen ist.” Aber: Die reichen Länder dürften sich nie wieder abwenden wie zwischen 2011 und 2015, als Jordanien, der Libanon oder die Türkei mit Millionen Flüchtlingen allein gelassen wurden. Sie müssen helfen, direkt in Krisenregionen, wie in Colliers Formel vorgesehen.

Auf dem Podium in London ist Collier seine Wut über den Status quo losgeworden. Den Einwänden des Publikums gegen seine Weltformel stellt er sich nun mit großer Gelassenheit. Er strahlt Zuversicht aus. Das Beste, sagte er, darf nicht der Feind des Besseren werden: Natürlich seien die bislang geschaffenen, knapp 10.000 Jobs in Jordanien nicht genug. “Das kann man entweder belächeln”, sagt Collier. “Oder man kann Hoffnung daraus schöpfen, dass ein Anfang gemacht ist. Und der ist bekanntlich am schwersten.”

So sieht sich Collier – als derjenige, der den Weg bereitet, indem er die bisherige Politik entlarvt und die ersten Schritte in die richtige Richtung getan hat. Nach der Buchvorstellung bildet sich eine lange Schlange. Sie reicht von der Bühne durch den Saal, durchs Foyer fast bis zum Ausgang. Und der Mann in Beige schreibt jedem Leser säuberlich ins Buch: “Over to you!” – “Jetzt liegt es an Ihnen!” Mitarbeit: Christian Putsch

DIE WELT  4 April 2017

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