MESOP NEWS Zur Sache: DER „ SEXUAL HARRASSMENT“ CRAZE – Über Subjekte und Objekte, Arbeitstiere & göttliche Wesen

Von Robert Pfaller – Robert Pfaller ist Professor für Kulturwissenschaft der Kunstuniversität Linz – 26 Nov 2017  

So unangenehm es zweifellos ist, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum fortwährend und von einer nicht enden wollenden Zahl von Menschen mit sexuellen Avancen bedrängt zu werden (eine Erfahrung, die durchaus auch viele Männer kennen), so fragwürdig ist doch eine Wertung, die derzeit vielen Kommentaren sowie auch manchen Gesetzestexten zugrunde liegt: die Unterstellung, dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, eine aggressive, feindliche Umgebung speziell für Frauen erzeuge und deren Würde beschädige. 

Diese Wertung scheint unhinterfragt aus dem US-amerikanischen Raum übernommen worden zu sein, wo Feministinnen wie auch radikale christliche Puritaner die Wertungen ihrer sexualfeindlichen Jenseitsreligion zunehmend zur moralischen Mehrheitsmeinung zu machen und ihr Bild von Frauen als grundsätzlich asexuellen, unschuldigen und hilflosen Wesen zu propagieren versuchen.

In Europa – wenigstens in jenen Ländern, in denen sich noch Spuren der antiken Hochkultur finden – besteht dagegen noch eine andere, entgegengesetzte Wertung: Ihr zufolge ist das Sexuelle und Erotische an den Menschen etwas Göttliches. Mit der Anerkennung erotischer Ausstrahlung wird Menschen – Frauen mindestens ebenso wie Männern – eine bestimmte Macht über andere zuerkannt. Dies führt zu einer gesteigerten Wertschätzung, die oft in (heidnischen) religiösen Begriffen als „Bewunderung”, „Verehrung” oder “Anbetung” beschrieben wird. 

Es ist darum keineswegs selbstverständlich, dass man die Wahrnehmung der sexuellen Dimension an Menschen als „Objektivierung” oder „jemanden zum Objekt machen” beschreiben muss, wie es gegenwärtig vor allem in einem trivialen Feminismus oft passiert. Die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt beziehungsweise zwischen Person und Sache entstammt der Philosophie des deutschen Idealismus beziehungsweise dem bürgerlichen Recht. Wenn einer Person oder einem Subjekt nun sexuelle Ausstrahlung zuerkannt wird, so macht das, wie leicht einzusehen ist, diese Person keineswegs zur Sache, und das Subjekt nicht zum Objekt.

 

Im Gegenteil, es wird diesem Subjekt ja Wirkungskraft und Handlungsmacht zugestanden. Gerade diese göttliche oder bezaubernde Macht, die sich in der Welt manifestiert, scheint der christlichen Jenseitsreligion als eine regelmäßige Beeinträchtigung moralischer Entscheidungsgewalt unheimlich und als ein Brennpunkt heidnischer Kulte von Anfang an verhasst gewesen zu sein (der Kirchenvater Tertullian hat um 200 u. Z. dazu mehrere Abhandlungen verfasst). Aus diesem Grund musste die Sexualität abgewertet und dämonisiert werden, was bestimmte gegenwärtige, vermeintlich emanzipatorische Bewegungen, die ihre eigenen religiösen Vorentscheidungen nicht erkennen, weiterhin tun.

 

Selbst wenn man jedoch in dieser Frage einmal hypothetisch der philosophischen und juristischen Unterscheidung von Subjekten und Objekten beziehungsweise von Personen und Sachen folgt, so ist keineswegs ersichtlich, weshalb es grundsätzlich entwürdigender sein sollte, in einer Person ein sexuelles Wesen zu sehen als die berufliche Eignung und Kompetent dieser Person in den Vordergrund zu stellen. Sehe ich denn in jemanden etwa kein Objekt, wenn ich die betreffende Person nur in ihrer Eigenschaf als hervorragend geeignetes Arbeitstier betrachte? Ist die Person in meiner Behandlung keine Sache, wem ich sie nur als brauchbare, zweckmäßige Maschine adressiere? Gerade Frau en, aber auch Männer, haben wenig zu gewinnen und viel zu verlieren wenn sie sich zu der Ansicht verleiten lassen, ihre fachliche Eignung als Arbeitskraft wäre das Beste an ihnen und jeder andere menschliche Aspekt könnte nur auf ihre Entwürdigung hinauslaufen.

 Robert Pfaller ist Professor für Kulturwissenschaft der Kunstuniversität Linz. Zuletzt erschien von ihm .Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur’. S. Fischer, 256 Seiten, 14,99