MESOP MIDEAST WATCH: RUSSLAND SCHÜTZT CHRISTLICHES ARMENIEN / ISRAEL FÖRDERT MILITÄRISCH ISLAMISCHES ASERBAIDSCHAN
Machtpoker im Kaukasus: Armenien fürchtet einen militärischen Überfall
Im Schatten des Ukraine-Krieges braut sich am Rande Europas eine Konfrontation zusammen. Der aufstrebende Erdölstaat Aserbaidschan will die politische Landkarte neu zeichnen. Der Nachbar Armenien ist schutzlos, wie ein Besuch im umstrittenen Grenzgebiet zeigt.
Andreas Rüesch, Schurnuch 4.04.2023, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Ein Armenier blickt auf den aserbaidschanischen Stützpunkt im unteren Teil des gespaltenen Dorfs Schurnuch.
Dichter Nebel klebt an den Hängen von Schurnuch, aber die Spaltung dieses Bergdorfes lässt sich sofort erkennen. Drei unterschiedliche Flaggen begrüssen einen bei der Einfahrt: Auf einer Anhöhe hängt die armenische, 50 Meter weiter unten die aserbaidschanische. Ob die Fahrt weitergehen darf, entscheidet jedoch eine dritte Macht.
«Ihre Dokumente bitte», sagt eine Stimme auf Russisch. Es ist ein junger Offizier, der etwas überrascht über den Besuch hinter einem Tarnnetz hervorgetreten ist. Seine Uniform weist ihn als Mitglied der russischen Grenztruppen aus; diese überwachen gemäss einem Abkommen mit Armenien die Grenzen des Gebirgslandes. Ein fabrikneu wirkender Radpanzer mit der russischen Trikolore unterstreicht, wer hier, 2000 Kilometer südlich von Moskau, eine prekäre Ruhe sicherstellt.
Hier oben auf 1400 Metern über Meer zeigen sich auf kleinstem Raum die drastischen Veränderungen, die der armenisch-aserbaidschanische Krieg vom Herbst 2020 gebracht hat. Bis dahin hatte das Dorf weitab von den Frontlinien gelegen. Dass zu kommunistischen Zeiten jemand ausgerechnet hier eine administrative Grenze zwischen den Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan gezogen hatte, spielte im Alltag der 150 Einwohner keine Rolle.
Denn nach dem Zerfall der Sowjetunion herrschten jahrzehntelang auf beiden Seiten der Hauptstrasse die Armenier – oben die Behörden der Republik Armenien, unten jene des armenischen Pseudostaates Nagorni Karabach, der sich von Aserbaidschan losgelöst hatte. Das änderte sich jäh mit der armenischen Niederlage vor gut zwei Jahren: Aserbaidschan erlangte die Kontrolle über sieben Bezirke im Westen des Landes, Schurnuch wurde plötzlich zum geteilten Grenzdorf.
Innert Stunden vertrieben
Als die neuen Herren unterhalb der Strasse Stellung bezogen, erzwangen sie einen Exodus aus jenem Dorfteil. «Sie kamen einfach eines Morgens und gaben uns bis Mitternacht Zeit, unsere Häuser zu verlassen», erzählt der Kriegsveteran Ararat Agabekjan, ein Einwohner mit ergrauendem Bart und militärischer Tarnweste. Agabekjan packte damals seine Sachen, aber still ging er nicht. Er setzte sein Haus in Brand, damit es dem Feind nicht in die Hände fiel, und stellte das Video der lodernden Flammen aus Protest ins Internet. Laut schimpft er über «die Türken», wie die Aserbaidschaner hier oft genannt werden, und den «Halunken» Ilham Alijew, den autoritären Staatschef Aserbaidschans.
Zurück kommt der Bauer nur noch an Tagen wie heute, wenn er sein Feld im armenisch kontrollierten oberen Dorfteil bearbeitet. Dort werden für die vertriebenen dreizehn Familien nun auch neue Häuser errichtet. Aber der schon vor zwei Jahren begonnene Bau kommt nur schleppend voran. Dies liegt auch an der verzwickten Logistik. Den isolierten Aussenposten Schurnuch erreicht man nur noch mit einer Sonderbewilligung des armenischen Geheimdienstes.
Einst floss hier der gesamte Nord-Süd-Transit durch, namentlich der umfangreiche Güterverkehr mit dem Nachbarland Iran, das in Luftlinie nur 50 Kilometer entfernt ist. Doch die kurvenreiche Strasse verläuft in dieser Gegend entlang der armenisch-aserbaidschanischen Grenze – mal ein paar Meter links davon, mal auf der anderen Seite. Das Regime in Baku nutzt dies, um nun auch hier seine Oberhoheit geltend zu machen. Bei der Fahrt nach Schurnuch stellt ein grosses blaues Schild am Strassenrand klar, dass man aserbaidschanisches Territorium betrete. Ein armenischer Offizier in Schurnuch tut dies verächtlich als Imponiergehabe ab. Doch der Verkehr auf dieser Route ist fast völlig zum Erliegen gekommen.
Dauerte die Fahrt von Schurnuch in die nächste Stadt früher nur eine gute halbe Stunde, so müssen die Betroffenen nun einen viermal längeren Umweg auf einer engen Nebenstrasse auf sich nehmen. Auf dieser quält sich jetzt auch der internationale Fernverkehr durch. Immerhin lässt sich auf dieser Strecke das auf einem Felssporn gelegene Kloster Tatew bewundern, ein auf das 9. Jahrhundert zurückgehendes Zeugnis armenisch-christlicher Präsenz in dieser Gegend.
Von Tatew schlängeln sich die iranischen Lastwagen über Serpentinen in eine 500 Meter tiefe Schlucht hinunter, bevor sie auf der anderen Seite wieder emporkeuchen – manche bleiben defekt am Strassenrand stehen oder können in den Kurven nicht mit dem Gegenverkehr kreuzen. All dies bedeutet für Armenien wirtschaftliche Einbussen. Aber es ist harmlos im Vergleich zur militärischen Bedrohung, die täglich zu wachsen scheint.
Das christliche Kloster Tatew stammt aus dem 9. Jahrhundert; trotzdem bezeichnet die Führung des muslimisch geprägten Nachbarstaats Aserbaidschan die Region als «unser historisches Land».
TÜberdeutlich ist, dass sich Aserbaidschan nicht begnügt mit dem Triumph von 2020 und Appetit auf weitere Territorien verspürt. Dreimal rückte es seit jenem Krieg in kurzen Militäraktionen auf armenisches Gebiet vor und besetzte dabei nach Angaben der Regierung in Erewan Grenzgebiete von insgesamt 140 Quadratkilometern. Es handelt sich um strategische Höhen, von denen aus armenische Dörfer und Strassen beschossen werden können. Das ist ein Wendepunkt im jahrzehntealten Konflikt, denn nun steht erstmals nicht nur das Schicksal des umstrittenen Gebiets Nagorni Karabach im Vordergrund – infrage gestellt wird das Territorium des Mutterlandes Armenien selber.
«Unser historisches Land»
Im März hat die Zahl der Verstösse gegen das geltende Waffenstillstandsabkommen sprunghaft zugenommen. Hinzu kommt eine martialische Rhetorik aus Baku, die das Schlimmste befürchten lässt. Der Diktator Alijew hat in mehreren Reden deutlich gemacht, dass er die territoriale Integrität Armeniens nicht anerkennt. Am Gipfeltreffen der Turkstaaten Mitte März stellte er das Nachbarland als künstliches Gebilde dar und verwendete dafür den Begriff «West-Aserbaidschan».
Besonders den Süden Armeniens bezeichnet er regelmässig als «unser historisches Land». Das weckt Erinnerungen an Putins Vorgehen, den ukrainischen Staat zunächst in Reden als Irrtum der Geschichte abzutun und danach militärisch zur Tat zu schreiten. Appelle zur Mässigung aus Washington und Brüssel haben Alijew bisher nicht beeindruckt.
Konkret fordert Baku einen Landkorridor durch armenisches Gebiet nach Nachitschewan, einer aserbaidschanischen Exklave an der Grenze zur Türkei. Auf diese Weise gäbe es erstmals eine direkte Landverbindung zwischen den beiden Turkstaaten. Armenien weist dies kategorisch zurück. Es bietet die Öffnung von Ost-West-Transitrouten an, will auf seinem Staatsgebiet aber die Oberhoheit behalten – und keine unkontrollierte Durchfahrt zulassen, wie sich dies die Aserbaidschaner vorstellen. Die Armenier argwöhnen, dass ein solcher Korridor sonst ihr Land entzweischnitte. Die Tatsache, dass Alijew stets vom «Sangesur-Korridor» spricht, also den alten türkischen Namen für Südarmenien verwendet, verstärkt noch die Furcht vor damit verbundenen Gebietsansprüchen.
Wer könnte verhindern, dass Aserbaidschan seine Ziele gewaltsam erreicht? Der Südzipfel Armeniens ist militärisch stark verwundbar, an der schmalsten Stelle ist das Land nur 26 Kilometer breit. Auf den Strassen der Region fällt auf, dass trotz den Spannungen kaum Militärfahrzeuge unterwegs sind. Armeniens Armee gilt als krass unterlegen – geschwächt durch die Niederlage von 2020 und belastet durch Nachschubprobleme, da der traditionelle Lieferant Russland nun selber zu wenig Kriegsgerät hat.
Russische Friedenstruppen mit knapp 2000 Mann überwachen den Waffenstillstand von 2020, halten sich aber weitgehend zurück.
Francesco Brembati / Reuters
Noch stellt Moskau jedoch einen Machtfaktor dar, nicht zuletzt dank seiner Militärpräsenz im Land. Auf der Fahrt von Schurnuch nach Norden ist ein grosses neues Gebäude mit russischer Flagge erkennbar, offenbar eine Militärbasis. Aus Satellitenfotos geht hervor, dass es erst in den letzten beiden Jahren entstand. Doch Russland ist für Armenien kein zuverlässiger Sicherheitsgarant. Obwohl die beiden Länder mit einem Beistandspakt verbunden sind, kam Moskau während der jüngsten aserbaidschanischen Grenzverletzungen nicht zu Hilfe.
Die Folgen dieser Schutzlosigkeit lassen sich eine Autostunde weiter nördlich bei Dschermuk beobachten. Der auf 2100 Metern über Meer gelegene Kur- und Skiort verdankt seine Bekanntheit seinen Heilquellen und dem in viele Länder exportierten Dschermuk-Mineralwasser. Doch für Schlagzeilen sorgt er seit dem vergangenen September vor allem durch seine militärische Gefährdung. Aserbaidschanische Truppen rückten damals unerwartet über die Gebirgspässe vor, besetzten ein Gebiet von etwa 38 Quadratkilometern und beschossen das Dorf zwei Tage lang mit Artillerie. Entsetzte Touristen suchten Schutz in den Kellern ihrer Hotels.
Der Seilbahn-Unternehmer Armen Tadewosjan fand auf seinem Areal Dutzende explodierter Granaten. Die Schäden an seinem Restaurant und am Häuschen für den Skiverleih liess er rasch ausbessern, aber die von Bombensplittern verursachten Narben an den Wänden sind noch immer erkennbar. In diesem Winter kam nur noch ein Zehntel seiner üblichen Kundschaft. «Die Leute haben Angst. Die Stellungen der Aseri liegen jetzt nur noch 4,5 Kilometer von hier entfernt.» Der armenische Staat habe die Renovationsarbeiten subventioniert, aber das ändere nichts daran, dass das Image des Kurorts schwer gelitten habe.
Der Kurort Dschermuk erlitt im letzten September durch aserbaidschanischen Beschuss schwere Schäden. Auf dem Skiliftgelände des Unternehmers Armen Tadewosjan (rechts) finden sich noch immer Trümmer von explodierten Raketen.
Verletzliche Verkehrsader
Über die Motive der Aserbaidschaner lässt sich nur spekulieren. Satellitenfotos belegen, dass sie vor ihrem Vorstoss Versorgungswege auf bis zu 3000 Meter Höhe errichteten. Vielleicht wollten sie mit dem Beschuss wirtschaftlichen Schaden zufügen oder die Bevölkerung terrorisieren, um Zugeständnisse zu erzwingen.
Tadewosjan nennt eine weitere, auch von Politologen erwogene Hypothese: Von Dschermuk führt eine gut ausgebaute Strasse ins Tal, wo sie auf die für Armenien lebenswichtige Nord-Süd-Hauptachse trifft. Gelänge es den aserbaidschanischen Truppen, im nächsten Angriff bis dorthin vorzurücken, wäre der gesamte Süden des Landes von der Versorgung abgeschnitten. Alijew könnte dann die Bedingungen eines Friedens diktieren.
Mit wem man in Armenien auch spricht – die Angst vor einem neuen Krieg ist mit Händen zu greifen. Aussenpolitiker und Strategiefachleute in der Hauptstadt Erewan machen einen geradezu niedergeschlagenen Eindruck. Der Moment scheint für Aserbaidschan ideal, um gewaltsam Fakten zu schaffen: Russland, Europa und Amerika sind durch den Ukraine-Krieg abgelenkt, für den Westen hat Aserbaidschan durch diesen Konflikt als Energielieferant sogar noch an Bedeutung gewonnen.
Die wortgewaltige Publizistin Maria Titisjan wirbt trotzdem mit aller Energie für ihre Wahlheimat. Geboren in Kanada als Nachfahrin armenischer Emigranten und Genozid-Überlebender, zog sie vor über zwanzig Jahren nach Erewan, um den jungen armenischen Staat ein Stück weit mitzugestalten. «Wir sind realistisch; die Welt kümmert sich nicht um Armenien. Aber sie sollte es tun!» Titisjan, Chefredaktorin eines politisch aufmüpfigen Online-Wochenmagazins, spricht von einem Kampf zwischen David und Goliath. Armenien wolle kein Mitleid. Es habe auch nichts anzubieten, schon gar kein Erdöl. Aber eines sei klar: «Wir brauchen westliche Hilfe für unsere Sicherheit.»
Der Süden Armeniens ist geprägt von Gebirgszügen und engen Passstrassen. Im Kriegsfall wäre eine rasche Entsendung von Truppen schwierig.
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