MESOP Fraktur – Komplexe Deutsche Unterwerfungslage

Da hilft eigentlich nur noch eines: eine Burka überwerfen. / Von Berthold Kohler

Dem SPD-Vorsitzenden Gabriel verdanken wir entgegen landläufiger Meinung immer wieder wertvolle Denkanstöße. Etwa den, der Frage nachzugehen, was eine Populismusmaschine ist. Dafür stellen wir uns, wie in der „Feuerzangenbowle“, einmal janz dumm, also etwa so wie die SPD, und sagen: Eine Populismusmaschine, das ist ein großer, runder Raum mit zwei Löchern, durch das eine kommt der Dampf rein – und das andere, das kriegen wir später. Das ist nämlich nur etwas für höhere Semester. Es kommt schließlich ganz entscheidend darauf an, wo der Dampf wieder austritt. Entweicht er auf der rechten Seite des Apparats, dann ist das ganz böser Populismusdunst, erzeugt allein zur Verbrühung und anschließender Verführung des weichgekochten Volkshirns. Links dagegen steigt nur reiner, weißer Rauch auf, als Zeichen dafür, dass die SPD schon verstanden hat, was sie in das Fernwärmenetz einspeisen muss, damit ihre auf Distanz gegangenen Wähler, die jetzt mit der AfD kuscheln, sich wieder für sie erwärmen können.

Dazu brachten die Heizer von der Sozialdemokratie den Kessel zuletzt mit altbewährtem Brennstoff zum Brodeln und Pfeifen, also mit reichlich Verständnis für Russland und viel Bashing für diese Donalds jenseits des Atlantiks. Gabriel ermahnte uns sogar noch einmal ganz ausdrücklich, dass wir uns den Amerikanern „nicht unterwerfen dürfen“. Das ist freilich ganz billiger Braunkohle-Populismus. Es weiß doch nicht nur jedes russische Kind, dass wir das längst tun, ob beim Essen, bei den Klamotten oder in der Politik.

Seit wir daran scheiterten, unsere Nachbarn zu unterwerfen, sind wir Deutsche doch die Unterwürfigkeit in Person. Das gilt, wenn man sich die Sache genau anschaut, auch für die SPD. Schon vergessen, dass Schmidt der Kanzler der Nachrüstung war? Dass Schröder den Kriegstreibern von der Ostküste einmal „uneingeschränkte Solidarität“ zusicherte? Und Putin zum „lupenreinen Demokraten“ erklärte? Ja, auch aufrichtige Unterwürfigkeit gen Osten zahlt sich immer noch aus.

Erst Merkel unterworfen, jetzt Erdogan

Und weil wir gerade bei den fremden Mächten sind: Schon zweimal hat sich die Sozialdemokratie der Kanzlerin Merkel unterworfen und zusammen mit ihr jetzt auch noch dem türkischen Präsidenten Erdogan. Man kann also wirklich nicht sagen, wir hätten aus der Geschichte nichts gelernt. Unser Jahrhundertprojekt, mit dem wir unsere unselige abendländische Vergangenheit ein für alle Mal hinter uns lassen wollen, also die Unterwerfung unter den Islam, entwickelt sich ja schon ganz gut. Wenn sich das so abspielt, wie von Houellebecq beschrieben, dann kann man nur sagen: Unterwerfung, wo ist dein Stachel?

Deshalb verstehen wir in gewisser Weise auch, wie überrascht der türkische Jugend- und Sportminister war, als der rasende Reporter Friedman sich jedenfalls zunächst nicht dem Verlangen unterwerfen wollte, das kurz zuvor geführte Interview zur Autorisierung (so heißt Löschung auf Türkisch) wieder herauszurücken. Anhänger der Weltverschwörungstheorie könnten dafür eine einleuchtende Erklärung liefern, die sicher auch die Türken akzeptiert hätten, wenn sie ihnen genannt worden wäre: Die Amerikaner, denen natürlich auch die deutschen Medien nur untertan sein können, werden die Auslieferung des Interviews schlicht verboten haben. Bei Gülen zieren sie sich ja auch.

Friedliebendes Moskau, arrogantes Washington

Das ist das einzige wirkliche Problem, das wir mit der Unterwerfung haben: wenn konkurrierende Unterwerfer sie zur gleichen Zeit von uns verlangen. Handelt es sich dabei nur um Russen und Amerikaner, dann fällt uns die Entscheidung traditionell leicht: Vor dem friedliebenden Moskau beugen wir da doch noch etwas lieber das Knie als vor diesem arroganten Washington. Aber schon wenn sich ein Dritter dazu gesellt, etwa ein osmanischer Sultan, dann wissen wir gar nicht mehr so recht, von wem und was wir uns nun zuerst distanzieren sollen.

Galt es bisher nicht als lobenswert, wenn wir einen Völkermord verurteilten, an dem doch immer irgendwie wir Schuld haben? In so einer höchst komplexen Unterwerfungslage können wir uns eigentlich nur noch eine Burka überwerfen und darauf setzen, dass wir darunter in Ruhe gelassen werden. Aber auch diese Hoffnung ist inzwischen ja eine trügerische.

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-komplexe-unterwerfungslage-14427685.html