MESOP DOKUMENTE : NUSAYBIN WAR CHRISTLICH – NICHT KURDISCH (Ephraim de Syrer – 400 Jahre nach Chistus)

Carmen Nisibenum 10

Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die außerhalb meiner Befestigung sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, zertreten ihre Heiligtümer.
 
Refrain: Gepriesen sei deine Züchtigung!
 
Die Jäger haben von meinen Bollwerken meine Tauben gefangen, die ihre Nester verlassen hatten und in Höhlen geflohen waren. Mit einem Netz fingen sie sie! Wie Wachs von dem Feuer schmilzt, so zerschmolzen und vergingen die Leiber meiner Söhne vor Hitze und Durst in den Befestigungen.
Anstatt der Quellen und der Milch, die für meine Söhne und Kinder flossen, fehlt nun die Milch den Kleinen und das Wasser den Entwöhnten.
In Todeszuckungen fiel das Kind von der Mutter, denn es konnte nicht mehr saugen, und sie vermochte es nicht mehr zu stillen; sie beide gaben den Geist auf und starben.
Wie konnte deine Güt6 ihren eigenen Brunnen Zügel anlegen, da doch der Überfluss ihrer Quellen nicht gehemmt werden kann?
 
Und wie hat da deine Güte ihr Mitleid verschlossen und ihre Quelle dem Volk vorenthalten, das danach schrie, seine Zunge zu benetzen?
 
Und ein Abgrund hatte sich aufgetan zwischen ihnen und ihren Brüdern, wie bei dem Reichen, der schrie, und keiner war, der ihn erhörte und seine Zunge benetzte.
Und gleichsam mitten ins Feuer waren die Unglücklichen geworfen, und Gluthitze hauchte das Feuer inmitten der Dürstenden aus, und in ihnen loderte es.
Es zerschmolzen ihre Leiber und wurden von der Hitze aufgelöst; es tränkten die Verdursteten ihrerseits die Erde mit dem Eiter ihrer Körper.
 
Und die Festung, die ihre Bewohner durch den Durst ermordet hatte, trank nun wieder den Ausfluss der Leichname derer, die vor Durst dahingeschwunden waren.
Wer sah je ein Volk, von Durst gequält, während es eine Mauer von Wasser umgibt, und es doch nicht seine Zunge benetzen kann?
 
Mit dem Urteil von Sodom wurden auch meine Lieben gerichtet, und meine Kinder wurden heimgesucht mit der qualvollen Strafe Sodoms. Die aber dauerte nur einen Tag.
Die Qual des Feuertodes, Herr, währt nur eine Stunde, aber das lange Verschmachten bedeutet einen langsamen Tod und eine ausgesuchte Qual.
 
Nach meinen Schmerzen und bitteren Leiden, Herr, — soll das ein Trost sein, der andere, den du mir gabst, dass du meine Unglückseligkeit vermehrt hast?
Die Medizin, die ich erwartete: der wirkliche Schmerz, der Verband, nach dem ich ausschaute: eine bittre Wunde. Das wollen sie mir antun.
Und als ich erwartet hatte, dem Sturm zu entrinnen, wurde mir der Sturm im Hafen gefährlicher als der im offenen Meer.
 
Und wenn ich gehofft hatte in meiner Beschränktheit, dass ich mich aus der Grube herausgearbeitet hätte, da warfen mich meine Sünden wieder mitten hinein.
Sieh, Herr, meine Glieder! Schwerter dichtgedrängt in mir — sie haben meine Arme gezeichnet —, und die entstellenden Wunden der Pfeile, eingesät in meine Seiten.
Tränen in meinen Augen, Kunde in meinen Ohren, Weherufe in meinem Munde, Trübsal in meinem Herzen — kein neues Leid mehr für mich, o Herr!
Die Übersetzung basiert auf jener von Pius Zingerle, die mit der Edmund Becks abgeglichen wurde.
 
„Des Heiligen Ephraem des Syrers Carmina Nisibena”. Übersetzt von Edmund Beck (Corpus Scriptorum Christianorum Orientalum 219. Scriptores Syri 93). Peeters Publishers, Leuven 1961. 112 S., br., 25,—E.
 
Von Hartmut Leppin ist zuletzt erschienen: „ Justinian. Das christliche Experiment”. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2011. 448 S., geb., 27,95 €.
 
Hartmut Leppin leitet das Leibnizpreisprojekt: „Polyphonie des spätantiken Christentums” an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, das im Mai 2016 eröffnet wurde.
 
Eine Gedichtlesung von Thomas Huber finden Sie unter www.mesop.de