MESOP : DEUTSCHE TODESLINIE / VON YPERN NACH DAMASKUS| BREATHLESS REPORT 2015

Der Giftgas-Horror – BILD sprach mit Überlebenden aus Syrien und dem Irak – Verletzte syrische Kinder weinen, nachdem sie von Assads Truppen mit Chlorgas angegriffen wurden. 100 Jahre nach der Schlacht um Ypern wird das Giftgas in Syrien regelmäßig gegen Zivilisten eingesetzt

VON BJÖRN STRITZEL – BILD ZEITUNG 25 Apr 2015 – An der Westfront im belgischen Ypern sollte 1915 eine neuartige Waffen den Durchbruch der deutschen Truppen erreichen und die zweite Flandernschlacht entscheiden. Das kaiserliche Pionierregiment 35 setzte damals massenhaft Chlorgas ein, mehrere tausend alliierte Soldaten starben. Es war der erste große Angriff mit chemischen Waffen gegen Menschen. 100 Jahre später werden in Syrien noch immer Menschen mit dieser Waffe getötet.Zum Jahrestag des ersten Giftgaseinsatzes protestierten Syrer und irakische Kurden diese Woche gemeinsam in Ypern während der Gedenkfeierlichkeiten. In einem offenen Brief ihrer Kampagne „Breathless“ fordern sie den Westen auf, „den weiteren Einsatz chemischer Kampfstoffe in Syrien und anderswo wirkungsvoll zu verhindern“ .

„Das Leid und der ganz besondere Terror chemischer Kampfstoffe sind heute so aktuell wie damals“, schreiben die Aktivisten und fordern ein Ende der Giftgasangriffe. „Es dauert nur eine Sekunde, die Bombe zu werfen, aber es braucht Generationen, um über ihre Folgen hinweg zu kommen.“

BILD sprach mit Giftgas-Überlebenden aus Syrien und dem Irak.

Giftgas in Syrien

Die Luftwaffe des syrischen Diktators Bashar al-Assad bombardiert regelmäßig Städte mit Chlorgas – die jüngsten entsetzlichen Bilder sterbender Kinder rührten westliche Diplomaten zu Tränen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigte erst kürzlich den Einsatz chemischer Waffen durch das Regime im März.

Chemiewaffen-Experte Dr. Paul Walker vom Grünen Kreuz, der bei der Vernichtung syrischer C-Waffen als Berater fungierte, erklärt, warum die hinterhältige Waffe auch heute noch eingesetzt wird: „Chlor ist ein sehr verbreitetes Produkt, sehr einfach zu bekommen und einzusetzen“, sagte der Experte zu BILD.

Vor allem aber unterliege Chlor nicht den Bestimmungen der Chemiewaffenkonvention, deren Vertragspartner sich verpflichteten, auf C-Waffen zu verzichten. „Der Einsatz von Chlorgas ist allerdings strafbar, wie jeder Einsatz von Chemikalien als Waffe.“

Im August 2013 hatte die syrische Armee sogar das tödliche Nervengift Sarin in Vororten von Damaskus massiv gegen Zivilisten eingesetzt. Mehr als 1300 Menschen starben qualvoll, Tausende leiden bis heute an den Folgen des Angriff. Das Regime von Bashar al-Assad verpflichtete sich anschließend, der Chemiewaffenkonvention beizutreten, um ein angedrohtes militärisches Eingreifen des Westens abzuwenden.

Ein Arzt, der damals Opfer des Angriffs behandelte, sagt zu BILD: „Ich selbst bin mit Sarin in Berührung gekommen, als ich die Opfer der Angriffe behandelte. Wir wussten zunächst nicht, was ihnen widerfahren ist, und hatten keinerlei Schutzausrüstung.“ Er gehe von ungefähr 15 000 Verwundeten aus, die wegen mangelnder Medikamente nicht behandelt werden können.

Vergrößern1300 Menschen starben bei dem Angriff, darunter hunderte Kinder. Tausende leiden noch an den Spätfolgen –

1300 Menschen starben bei dem Angriff, darunter Hunderte Kinder. Tausende leiden an Spätfolgen, können nicht versorgt werden

„An den Tagen zuvor tobten heftige Kämpfe, wir hielten uns die ganze Zeit versteckt. Der 16. März aber war ein sehr ruhiger, wunderschöner Frühlingstag. Wir trauten uns zum ersten Mal wieder aus unseren Verstecken.“ Kurz nach Mittag sei dann der Lärm von Kampfflugzeugen zu hören gewesen, die schwere Bomben abwarfen, sagt Falah. „Wir versteckten uns zunächst wieder. Gegen vier Uhr nachmittags hörten wir aus den Lautsprechern die Anweisung, höher gelegene Plätze aufzusuchen.“ In Panik flohen die Einwohner aus der Stadt.

„Ich rannte mit meinem großen Bruder zusammen weg, wir trafen unseren Nachbarn Nasir, seine Frau Nazare, die mit ihren zwölf Kindern zu fliehen versuchten. Sie rannten in eine andere Richtung als wir.“ Nach einer halben Stunde wurde klar: Es war ein Giftgasangriff. „Nasir, seine Frau und die Kinder sind alle gestorben, wir haben durch Zufall überlebt, weil wir in eine andere Richtung rannten.“

Falah rettete sich auf einen kleinen Hügel außerhalb der Stadt. „Meine Augen schmerzten und ich fühlte mich sehr schwach. Vom Hügel aus konnte ich die Stadt sehen, überall waren Tote und Verletzte.“ Drei Monate versteckten sich die Brüder in den Bergen außerhalb der Stadt. Das Ausmaß des Angriffs wurde später bekannt: 5000 Menschen starben qualvoll durch das tödliche Sarin, welches Saddams Bomber brachten.

Dass 25 Jahre später in Syrien wieder Menschen mit Sarin ermordet wurden, erzürnt Falah. „Deutsche und europäische Firmen haben eine Verantwortung. Sie dachten damals nur ans Geld, als sie Saddam die Anlagen und Grundstoffe für das Giftgas verkauften.“

Chemiewaffen-Experte Dr. Paul Walker schließt sich an: „Die Chlorgasangriffe in Syrien sind laut Chemiewaffenkonvention komplett illegal. Sie müssen sofort gestoppt werden.“ http://www.bild.de/politik/ausland/giftgas/100-jahre-giftgas-von-ypern-nach-damaskus-40652390.bild.html