MESOP : DER NEUE “ISIS-CHE GUEVARA” – REPORT
Krieg in Syrien Der Stoßtrupp des Dschihad / Markus Wehner (Klick Bottom Link für Fotos)
Die Tschetschenen gelten in Syrien als knallharte Kämpfer. Tausend sind schon da. Auch aus Deutschland zieht es immer mehr zu ihnen. Ein blonder Hüne ist der Star. Er hat die „Soldaten Syriens“ gegründet. Muslim Abu Walid bleibt ganz ruhig. Flugzeuge der syrischen Armee donnern über ihn, nebenan schlägt es ein, doch er verzieht keine Miene. „In Tschetschenien hat man uns schlimmer beschossen, noch stärker bombardiert“, sagt er. „Aber arbeiten kann man trotzdem.“ Dann ruft er seinen Kämpfern „Geht auseinander!“ zu, bevor er weiterredet in dem Propagandafilm, der im Internet kursiert. Der Mann versteht es, sich als Held zu inszenieren. Für seine Anhänger ist er ein charismatischer Führer, ein Che Guevara des Dschihad.
Sein Äußeres trägt dazu bei. Denn Muslim Abu Walid wirkt nicht wie ein finsterer Kommandeur der Terrorbrigaden. Er hat langes dunkelblondes Haar und hellblaue Augen. Und trägt einen roten Rauschebart, der ihm den Anschein von Gutmütigkeit verleiht. Der 42 Jahre alte großgewachsene Mann gehört zu einer Volksgruppe, die unter den Dschihadisten in Syrien hohes Ansehen genießt: den Tschetschenen. Sie sind knallharte Krieger, der Stoßtrupp des Dschihad.
„Soldaten Syriens“ begeistern Radikalisierte
Der Wikinger, wie der Mann auch genannt wird, ist für Dschihad-Reisende von München bis Berlin eine Größe. „Er ist ein Idol für die Islamistenszene in Deutschland, bis vor kurzem wollten alle Syrien-Reisenden zu ihm“, heißt es unter Verfassungsschützern. Eine ganze Reihe sind bei seiner Organisation namens Junud al Sham („Soldaten Syriens“) gelandet. Ein Salafist aus Bayern, der sich der Truppe angeschlossen hatte, kam nach Angaben des bayerischen Verfassungsschutzes vor einigen Monaten bei einem Gefecht ums Leben.
Ein anderer, der bei Junud al Sham kämpfte und später den Rückweg antrat, wird sich in einigen Wochen vor einem Münchner Gericht verantworten müssen. Eine Gruppe von Salafisten, so heißt es beim bayerischen Verfassungsschutz, habe weiter Kontakt zu den Kämpfern von Muslim Abu Walid in Westsyrien. Das könne „dazu führen, dass weitere ausreisewillige Salafisten motiviert werden, sich dieser Gruppierung anzuschließen“.
Was ist das für ein Mann, der deutsche Dschihad-Reisende begeistert? Muslim Abu Walids richtiger Name ist Murad Margoschwili. Er stammt aus dem Pankisi-Tal in Georgien, an der Grenze zu Tschetschenien. Rund 7000 ethnische Tschetschenen leben dort. Der Clan der Margoschwili gehört zu den einflussreichen Großfamilien. Der Schmuggel mit Waffen, Drogen und Menschen ist ein traditionelles „Handwerk“ im Pankisi-Tal. In den beiden Kriegen, die die Tschetschenen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Moskau führten, war es ein Rückzugsgebiet. Moskau drohte zwischenzeitlich damit, das Tal zu bombardieren.
Unerkannt in Tschetschenien in Haft
Margoschwili hatte als junger Offizier in der sowjetischen Luftabwehr in der Mongolei gedient. Im zweiten Krieg in Tschetschenien kämpfte er gegen Russland, schloss sich der Einheit des islamistischen Feldkommandanten Ibn al Chattab an. Der Araber hatte in Afghanistan gekämpft und zog Mitte der neunziger Jahre nach Tschetschenien. Durch sein militärisches Geschick wie seine Grausamkeit war er berühmt und berüchtigt. 2002 konnten die Russen ihn töten.
Ein Jahr später geriet Margoschwili in russische Gefangenschaft. Doch die Russen hatten wohl nicht begriffen, wer ihnen ins Netz gegangen war. Denn Kämpfen war nicht das einzige Geschäft von Margoschwili. Er war auch als Schmuggler tätig, in dieser Rolle nannte er sich Madajew. Nach zweieinhalb Jahren in russischer Haft kam er frei, zog sich nach Georgien zurück. Schon 2008 tauchte er wieder in Russland auf, in Dagestan, einer Nachbarrepublik Tschetscheniens, die zum neuen Unruheherd im Nordkaukasus geworden war. Er nannte sich nun Muslim Abu Walid, nach dem arabischen Nachfolger Chattabs, der ebenfalls in Tschetschenien getötet worden war.
Dschihad als ideologische Klammer
Die Lage in Russland wurde allerdings für die Kämpfer des „Kaukasischen Emirats“, wie sich die islamistische Terrororganisation im Nordkaukasus nennt, immer schwieriger. Margoschwilis Leute mussten sich in den bergigen Wäldern Dagestans verstecken. Auch Georgien taugte nicht mehr wie früher als Rückzugsgebiet. Im Sommer 2012 kam es dort im Lopota-Tal zu einem blutigen Gefecht zwischen georgischen Sicherheitskräften und einer bewaffneten Gruppierung, unter ihnen Tschetschenen. Kurz darauf ging Muslim nach Syrien. Viele Tschetschenen folgten. Immer öfter trugen Kämpfer dort den Beinamen „al-Schischani“, der Tschetschene. Wie wichtig sind die Tschetschenen für die Armee des Dschihad in Syrien und im Nordirak? Zunächst sind es viele. Geheimdienste gehen davon aus, dass im syrischen Bürgerkrieg und im Nordirak heute rund zweitausend Mann aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kämpfen. Gut die Hälfte, also tausend, sind Tschetschenen und andere Nordkaukasier. Wichtiger noch als ihre Zahl ist ihre Kampfkraft. Sie sind erfahren im Krieg gegen eine reguläre Armee, die russische. Ein Kämpfer zu sein, ist eng verbunden mit ihrer Vorstellung von Männlichkeit. Der Dschihad ist eher eine ideologische Klammer. Zwar dienten Angriffe und Anschläge der tschetschenischen Islamisten ursprünglich der Errichtung eines Kalifats im Nordkaukasus – dieses Ziel propagiert das „Kaukasische Emirat“. Doch der Druck der russischen Geheimdienste und Antiterroreinheiten ist seit Jahren so hoch, dass die Terroristen im Nordkaukasus kaum agieren können. Der Überfall vom Donnerstag, als Bewaffnete zwei Gebäude in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj stürmten und zehn Polizisten töteten, ist der erste größere Terrorakt seit langem. Denn in Tschetschenien hat der dortige Machthaber Ramsan Kadyrow ein Überwachungsregime errichtet, das hart gegen jegliche Gegner vorgeht.
Kaukasischer Terror „ausgelagert“
In Syrien hingegen können die Tschetschenen ihren Kampf gegen Russland fortsetzen – schließlich ist Machthaber Assad mit dem Kreml verbündet. Für Moskau bedeutet der Exodus der Kämpfer nach Syrien, dass sie ein Teil des Problems im Nordkaukasus „auslagern“ konnten.
Auch in den Brigaden des „Islamischen Staats“ (IS) genießen die Tschetschenen hohes Ansehen. Ein Tschetschene ist sogar zum IS-Befehlshaber in Nordsyrien aufgestiegen: Abu Omar al Schischani. Wie Margoschwili stammt Omar, der eigentlich Tarchan Batiraschwili heißt, aus dem Pankisi-Tal. Er hat seine militärische Ausbildung in der georgischen Armee erhalten, kämpfte 2008 im Krieg gegen Russland auf georgischer Seite. Auch er kam 2012, mit 26 Jahren, nach Syrien. Omar, der ebenfalls einen roten Vollbart trägt, führte dort zunächst seine eigenen Truppen, die sogenannten Auswandererbrigaden. Ende 2013 schwor er dem IS-Führer Abu Bakr Al-Bagdadi die Treue. Viele tschetschenische Kämpfer sehen Omars Bindung an den IS kritisch, auch Margoschwili. Er kritisiert die Brutalität, die der IS gegenüber der syrischen Bevölkerung an den Tag lege. Auch opfere der IS die eigenen Leute rücksichtslos. Margoschwili hat sich der Al-Nusra-Front angeschlossen, die mit Al Qaida verbündet ist und mit dem IS konkurriert.
Achtjährige, die Gewehre zusammenbauen
Die meisten Tschetschenen gelangen über die Türkei nach Syrien. Dort leben 70.000 Tschetschenen, es gibt eine breite Unterstützerszene. „Wir möchten uns beim türkischen Volk bedanken, denn sie helfen und unterstützen uns“, sagt Margoschwili in einem Interview für eine türkische Zeitung, das ins Deutsche übersetzt wurde.
Welche Rolle er im Terrorkampf spielt, haben auch die Amerikaner bemerkt. Vor zwei Monaten setzten sie ihn auf ihre Liste gesuchter Terroristen, weil er in Syrien nahe der türkischen Grenze ein Ausbildungslager für ausländische Kämpfer unterhält. Margoschwili spricht in Interviews selbst davon, dass er junge Männer im Kampf ausbildet. Ein Propagandafilm zeigt ihn sogar dabei, wie er „eines der vielen Ausbildungszentren“ seiner Truppe besucht. Dort präsentieren ein paar Knirpse, wohl acht bis zehn Jahre alt, Sturmgewehre, bauen sie ratzfatz zusammen und rufen „Allahu Akbar“. Wie ernst das auch immer sein mag: Margoschwilis Truppe ist für Dschihadisten attraktiv, auch wenn sie wohl nicht mehr als zweihundert Mann zählt, in der Mehrzahl Tschetschenen und Libanesen.
Mord an 16 Jahre altem Mädchen geplant
Aber Leute aus Europa sind willkommen – sie taugen zumindest für Propagandazwecke. Von der Nähe zum deutschsprachigen Raum zeugt die hohe Präsenz des Tschetschenenführers im Internet. Seine Biographie wurde nicht nur in einem russischen, sondern auch in einem deutschen Video vom islamistischen Mediendienst Sham Center verbreitet. Im Sommer wurde ein Video mit deutschen Untertiteln versehen, mutmaßlich von Tschetschenen, die aus Deutschland kommen. Die Propaganda wirkt. Einer der Dschihadisten aus Deutschland, der bei Junud alSham gelandet war, ist Harun P. Der 27 Jahre alte Münchner ging Ende 2013 nach Syrien, zuvor war er in der islamistischen Szene aktiv. Unter anderem hatte er einem Aktivisten der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ in der Münchner Fußgängerzone angedroht, ihn mit einem Messer zu töten. In Syrien wurde Harun P. an Waffen ausgebildet, nahm an Kämpfen teil, angeblich an einem Großangriff auf das Gefängnis von Aleppo im Februar, bei dem Panzer zum Einsatz kamen. Auch wird ihm vorgeworfen, dass er die Ermordung zweier Männer veranlassen wollte, die ihre 16 Jahre alte Verwandte aus Syrien zurück nach Deutschland holen wollten. Er fürchtete, dass das Mädchen den Sicherheitsbehörden seinen Aufenthaltsort verraten würden.
Treffpunkt Rahman-Moschee im Wedding
Als Harun P. am 1. April in Prag landete, wurde er festgenommen und nach Deutschland überstellt. Der Generalbundesanwalt erließ Ende Mai Haftbefehl, Ende Oktober wurde Anklage erhoben. Im Februar soll er sich vor dem Oberlandesgericht München verantworten. Die wachsende Zahl von Tschetschenen, die in den salafistischen Netzwerken aktiv sind, beunruhigt die deutschen Sicherheitsbehörden. In Berlin zählen mehr als zwei Dutzend Tschetschenen zum harten Kern der Hauptstadtszene. Die Rahman-Moschee im Wedding ist ein Treffpunkt für Tschetschenen in Berlin, dort wird die Predigt auch ins Russische übersetzt. Die Moschee wirbt zwar nicht für den Dschihad, gilt aber als offen für Salafismus. „Wer sich radikalisieren will, kann dort andocken“, sagt die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke.
Viele junge Tschetschenen, so heißt es im Bundesamt für Verfassungsschutz, sind besonders gewaltbereit. Das hat sich vor wenigen Wochen in Straßenkrawallen gezeigt. Auslöser der Auseinandersetzungen war der Krieg in Syrien und im Nordirak, vor allem waren es die Angriffe des „Islamischen Staates“ auf Yeziden im Sindschar-Gebirge und die Schlacht um Kobane, wo Tschetschenen auf der Seite des IS kämpfen. Am 7. Oktober kam es zu Ausschreitungen zwischen etwa 400 Tschetschenen und Yeziden in Celle, nachdem ein yezidischer Jugendlicher einen tschetschenischen Altersgenossen als Salafisten beschimpft hatte.
40 Strafverfahren in Deutschland
Die Polizei konnte am Folgetag verhindern, dass die Gruppen wieder aufeinander losgingen. Doch die Aufregung verbreitete sich rasch über Celle hinaus. In Hamburg prügelten sich einen Tag später am Steindamm Kurden und Salafisten, auf jeder Seite 400 Mann. Unter den Salafisten, so schätzen Hamburger Sicherheitsbehörden, befanden sich bis zu 50 Tschetschenen. „Wenn die Lage sich zuspitzt, etwa wenn Kobane fällt, dann wird es auch in Deutschland wieder zu Auseinandersetzungen kommen“, heißt es in Hamburger Sicherheitskreisen. In Berlin schätzt man das genauso ein.
Wie sehr das Problem tschetschenischer Kämpfer in Syrien Deutschland betrifft, zeigt auch ein Blick auf die Strafverfahren des Generalbundesanwalts in Karlsruhe. Der führt mittlerweile rund 40 Verfahren gegen Dschihadisten aus Deutschland, die sich Terrorgruppen in Syrien und im Nordirak angeschlossen haben.
Zehn dieser Verfahren laufen wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung von Margoschwilis Truppe Junud al Sham. Die große Zahl tschetschenischer und anderer russischsprachiger junger Leute in Deutschland sehen Verfassungsschützer als Reservoir, das Leute wie der Tschetschenenführer in Zukunft noch stärker nutzen werden. Noch sei man zum Glück nicht bei österreichischen Verhältnissen, heißt es. In der Alpenrepublik sind schon 160 Islamisten nach Syrien in den Dschihad gereist. Rund die Hälfte von ihnen sind Tschetschenen. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/krieg-in-syrien-der-stosstrupp-des-dschihad-13306794.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2