MESOP CULTURE : DER JAKOBINISCHE TERREUR IN ZEITEN DER LBGTI KULTUR

Wie das Totalitäre beginnt – von Rainer Werner   (EIN ERFAHRUNGSBERICHT)

Als ich im Sommersemester 1968 an der Universität Tübingen mit dem Studium der Germanistik begann, besuchte ich die Vorlesung des hochgerühmten Hölderlinspezialisten Friedrich Beißner. Da das Sommersemester von schweren Turbulenzen der Studentenbewegung geprägt war (Auslöser war das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968), konnte es nicht ausbleiben, dass  Aktivisten vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in die Vorlesung stürmten, um über die Hintergründe des Attentats –  die Hetze der Springer-Presse – zu diskutieren. Der Professor, damals schon hochbetagt, verlangte eine Abstimmung des vollbesetzten Auditoriums. Da die SDS-Studenten ahnten, dass sie keine Mehrheit bekommen würden (Tübingen war eben nicht Berlin), lehnten sie die Abstimmung ab, drängten den Professor vom Vorlesungspult und begannen ihre spontanen Reden. Als die Studenten  „ab-stim-men! ab-stim-men!“ skandierten,  führte ein „Genosse“   aus, eine Abstimmung sei „nur formaldemokratisch“, während sie eine „inhaltliche Demokratie“ verträten. Als Neuling im akademischen Betrieb und mit  der linken Sprachregelung noch nicht vertraut  war mit der Unterschied zwischen „Inhalt“ und „Form“ bei demokratischen  Abstimmungen  noch nicht  geläufig.

Der unschöne Vorfall hinderte mich in der Folge nicht, selbst dem  SDS  beizutreten und mich später einer maoistischen Studentenorganisation anzuschließen. Über die Zeit als maoistischer Kader habe ich an dieser Stelle Rechenschaft abgelegt. Als ich mich 1974 aus  der linksradikalen Szene  löste und den Lehrerberuf ergriff, vergaß ich die kleine Tübinger Episode wieder, weil das Tagesgeschäft eines Lehrers so viele Kräfte absorbiert, dass man kaum Zeit hat, Vergangenes zu reflektieren. Erst als ich  Zeuge wurde, wie sich der Vorfall aus dem Tübinger Hörsaal unter anderem Vorzeichen wiederholte, fiel er mir als früher Sündenfall wieder  ein. Mit den Schülern meines  PW-Leistungskurses hatte ich mich einem  Projekt zur Unterstützung einer Schule in Burkina Faso angeschlossen. Wir hatten bei Schülern und Eltern Geld gesammelt und wollten es einer Hilfsorganisation für Afrika überreichen. Während der Veranstaltung stürmten linksradikale „Antiimperialisten“  das Podium. Sie beschimpften Schüler, Lehrer und Helfer als Agenten des Neokolonialismus und  ließen die Veranstaltung im Chaos versinken. Ein geistesgegenwärtiger Schüler konnte gerade noch  die Spendenkasse retten. Schlagartig kam mir der Vorfall in der Vorlesung von Professor Beißner wieder in den Sinn. Er  gewann eine neue Bedeutung und kam mir jetzt vor wie  das Ur-Erlebnis des Totalitären, einer Haltung, die  sich nicht mehr an Spielregeln hält, sondern das Gegenüber mit physischer Präsenz und Drohgebärden  überwältigt. Das wichtigste Mittel der Einschüchterung ist dabei, dem politischen Gegner („Feind“) das freie Wort zu  verwehren.

In der Folgezeit  reagierte  ich besonders sensibel, wenn ich lesen musste, dass an irgendeiner Universität ein Professor niedergeschrien, dass ein nicht genehmer Politiker am Reden gehindert oder gesellschaftliche Gruppen mit der „falschen“  weltanschaulichen  Ausrichtung  physischer Gewalt ausgesetzt waren. Solche Vorfälle gibt es bis heute  die Fülle. Ein in dieser Hinsicht trauriger Ort ist die Humboldt Universität zu Berlin. Dort besetzten nach der (vorläufigen) Entlassung des ehemaligen Stasi-Offiziers Andrej Holm Studenten das Institut für Sozialwissenschaften (ISW). Ursprünglich war ihre Forderung nur die Wiedereinstellung des Dozenten Holm. Angefeuert von außeruniversitären linksradikalen Kräften, denen die Studenten freien Zugang zu den besetzten Seminarräumen gewährten, wurde daraus ein Kampf gegen „militärische, diskriminierende und menschenfeindliche Lehrinhalte“ („Manifest“ der Besetzer) und für die Besetzung von Wohnhäusern, die sie als „Selbstorganisation des städtischen Lebensraumes“ verklärten. Pünktlich zu Beginn der Semesterferien brachen Besetzung und Protest zusammen. Die vorlesungsfreie Zeit war dann doch wichtiger als die Behauptung des „herrschaftsfreien Raumes“. Beim Abzug  hinterließen die Besetzer ein verwüstetes Institut: mit Farbe besprühte Wände, zerbrochenes Mobiliar, Schmähparolen niedrigsten Niveaus an den Wänden („Die Uni muss sterben, damit wir lernen können!“)

Nebenbei bemerkt: Am 22. Juni 2017 jährt sich zum 250. Mal der Geburtstag von Wilhelm von Humboldt, der die HU gegründet hat. Was würde er empfinden, wenn er solche wissenschaftsfeindlichen Sprüche an den Wänden „seiner“ Universität  lesen könnte?

Der Gesinnungsterror, der sich in der Zeit der Institutsbesetzung austobte, hat eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren wurde in dem anonymen Blog „Münkler Watch“ Kommentare zu den Vorlesungen des Politologen Herfried Münkler veröffentlicht, die ihn als „Kriegstreiber“ verunglimpften. Die Diktion der Invektiven deutete darauf hin, dass es sich um universitätsfremde „Autoren“ handelte, die in Münkler einen  willkommenen „Feind“ sahen, an dem sie ihren „antiimperialistischen Kampf“ austoben konnten. Sein Buch „Der große Krieg“ haben sie, wenn sie es je gelesen haben, bestimmt nicht verstanden. Auch die diesjährigen Institutsbesetzer machten einen Abstecher in den Trakt, in dem sich Münklers Amtszimmer befindet. Dort legten sie Monsterpuppen aus und sprühten Hassparolen an die Wand. Ähnliche Schikanen mussten schon der Historiker Jörg Baberowski,  der Soziologe Michael Makropoulos und der Migrationsforscher Ruud Koopmans erdulden. An der ehrwürdigen HU ist ein Klima der Einschüchterung und des Hasses gegen Andersdenkende entstanden, das mit der Freiheit von Forschung und Lehre nichts mehr zu tun hat.

Eine überaus  traurige Rolle spielten Instituts-  und Universitätsleitung. Sie gaben nicht nur dem Druck der Studenten nach und nahmen die fristlose Kündigung Holms gegen eine „Abmahnung“ wieder zurück. (Was machen eigentlich gekündigte Dozenten, denen keine Kampftruppen zur Verfügung stehen?) Die Besetzung des Instituts  wurde auch dann noch toleriert, als universitätsfremde Personen den Protest gekapert hatten und in den Räumen des Instituts wüteten. Das Recht der Studenten, regulär studieren zu können, wurde grob missachtet. Den größten  Schaden trug die akademische Freiheit davon, das akademische Gesetz, wonach man Meinungsverschiedenheiten herrschafts- und gewaltfrei austrägt. Der Universitätsleitung scheint  das Lebenselixier akademischer Arbeit  –  die geistige Freiheit – nicht mehr viel zu bedeuten.

Die Humboldt Universität zu Berlin, die schon in zwei Diktaturen (NSDAP und SED) akademische Unabhängigkeit und geistige Freiheit verloren hatte, hat es nicht verdient, von einer feigen Universitätsleitung  an einen radikalen   Gesinnungsterror ausgeliefert zu werden.

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