MESOP AUS “LINKE LAUDATIO PRO TRUMP”: RICHARD RORTY ZU DEN INTENTIONEN DONALD TRUMP’S

Niemand anderer als Richard Rorty (19312007), einer der bedeutendsten amerikanischen Philosophen, in seinen 1997 an der Harvard University gehaltenen Massey-Vorlesungen zur Geschichte der amerikanischen Zivilisation, die zwei Jahre später unter dem Titel „Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus“ (Suhrkamp) auf Deutsch erschienen. Aber Rortys Ausführungen sind nicht einfach nur eine ideengeschichtliche Reflexion unter Berücksichtigung amerikanischer Umstände. Sie sind mit jeder Zeile eine fast vernichtende Kritik ebenjenes linksliberalen amerikanischen Establishments und seiner Vertreter in Kultur, Universitäten, Verwaltungsbürokratien, Parlamenten und Regierungen, die sich parteipolitisch vor allem den Demokraten zuordnen.

Diese »kulturelle Linke«, so Rorty, sei »zu der Ansicht gekommen, wir müßten unser Land in ein theoretisches Bezugssystem, in eine ganz große quasikosmologische Perspektive hineinstellen«. Diese kulturelle Linke scheine »oft überzeugt, daß der Nationalstaat überlebt sei und es deshalb keinen Sinn habe, die nationale Politik wiederzubeleben«. Dabei werde »leider übersehen, daß die Regierung unseres Nationalstaats auf absehbare Zukunft die einzige Instanz sein« werde, »die den Grad des Egoismus und Sadismus, unter dem Amerikaner zu leiden« hätten, »wirklich beeinflussen« könne. Denn für all jene, »denen durch die Globalisierung die Verelendung« drohe, sei es »kein Trost, zu hören, der Nationalstaat spiele keine Rolle mehr und man müsse sich einen Ersatz dafür ausdenken. Die kosmopolitischen Superreichen« jedenfalls hielten »keinen für nötig, und sie« würden »wahrscheinlich die Oberhand behalten«. In Amerika werde »jetzt das Bürgertum proletarisiert, und das dürfte zu einer populistischen Revolte von unten führen«. Denn die »Globalisierung führt zu einer Weltwirtschaft, in der jeder Versuch eines Landes, die Verelendung seiner Arbeiter zu verhindern, nur zu Arbeitslosigkeit führt.

Diese Weltwirtschaft wird bald in den Händen einer kosmopolitischen Oberschicht liegen, die sich ebensowenig mit irgendwelchen Arbeitern in irgendeinem Land verbunden fühlt wie die amerikanischen Großkapitalisten des Jahres 1900 mit den Einwanderern, die in ihren Unternehmen arbeiteten. […] Dieser beängstigende wirtschaftliche Kosmopolitismus« bringe allerdings nebenbei einen »begrüßenswerten kulturellen Kosmopolitismus mit sich. Ganze Kompanien energischer junger Unternehmer« füllten »die Erste Klasse der interkontinentalen Düsenflugzeuge, während die hinteren Plätze mit beleibten Professoren wie mir beladen sind, die zu interdisziplinären Tagungen an schönen Orten ausschwärmen. Doch dieser neuentstandene kulturelle Kosmopolitismus« sei »auf das reichste Viertel der Amerikaner beschränkt«, und dieser »neue wirtschaftliche Kosmopolitismus« lasse »eine Zukunft ahnen, in der der Lebensstandard der übrigen drei Viertel ständig« sinke.

Vor diesem Hintergrund riskiert Rorty eine eindeutige Prognose: »Wenn die Bildung erblicher Kasten unbehindert« weitergehe »und der Globalisierungsdruck solche Kasten nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in den anderen alten Demokratien« erzeuge, lande man »in einer Orwellschen Welt«: Vielleicht gebe es dort »keinen übernationalen Großen Bruder und keine offizielle Ideologie wie Ingsoc. Aber es wird eine Parallele zur >inneren Partei< geben — nämlich die internationalen, kosmopolitischen Superreichen. Sie werden alle wichtigen Entscheidungen treffen. Die Parallele zu Orwells >äußerer Partei< sind dann die gut ausgebildeten und gut gestellten kosmopolitischen Fachleute« — Leute wie er, Rorty, und seine Zuhörer. »Die Vorstellung einer solchen Welt« lege »zwei Reaktionen der Linken nahe«: die Milderung der Ungleichheit zwischen den Nationen durch Teilung des Reichtums des Nordens mit dem Süden und Öffnung der Grenzen. Dies sei die Reaktion der akademischen Linken, »die immer schon international« gesonnen gewesen wäre. Die zweite liege den Mitgliedern der Gewerkschaften nahe, und den Unterbeschäftigten, »die am anfälligsten für rechte populistische Bewegungen« seien, hätten »die Gewerkschaftsmitglieder in den Vereinigten Staaten« doch »dabei zusehen« müssen, »wie ein Betrieb nach dem anderen geschlossen — und nach Slowenien, Thailand oder Mexiko verlegt wurde« und es deshalb »kein Wunder« sei, »wenn für sie das Ergebnis des internationalen Freihandels aussehe: »Wohlstand für Manager und Aktionäre, Ver serung des Lebensstandards für Arbeiter in den Enty lungsländern und starke Verschlechterung für die amerikanischen Arbeiter«.

Deshalb wäre es ebenfalls »kein Wunder, wenn in ihren Augen die amerikanische Intelligenz auf der Seite der Manager und Aktionäre stünde — mit den gleichen Klasseninteressen. Denn wir Intellektuellen, zumeist Hochschulleute, sind mindestens kurzfristig vor den Auswirkungen der Globalisierung gut geschützt. Und noch schlimmer: Wir scheinen oft stärker an den Arbeitern der Entwicklungsländer als am Schicksal unserer eigenen Mitbürger interessiert zu sein.« »An diesem Punkt«, so Rorty im Anschluss an die Hauptthese von Edward Luttwaks  Buch The Endangered American Dream, werde »es einen Bruch geben« und würden die »ärmeren Wähler zu dem Schluß kommen, daß das System versagt habe, und einen starken Mann wählen, der ihnen verspricht, daß unter ihm die feinen Bürokraten, raffinierten Anwälte, überbezahlten Anlageberater und postmodernistischen Professoren n mehr das Sagen haben werden«.

Warum, fragte Rorty deshalb im Jahre 1997 ebenso ahnungs- wie vorwurfsvoll, im Blick die amerikanische Linke innerhalb und außerhalb der Partei der Demokraten, »warum haben nur Rechte wie Buchanan zu den Arbeitern über die Folgen der Globalisierung gesprochen? Warum konnte die Linke die wachsende Empörung der neuerlich Verarmten nicht kanalisieren?« Um sich die Antwort, die fast einem politischen Todesurteil gleichkommt, selbst zu geben: »Da niemand das Vorhandensein der, wie ich es nenne, kulturellen Linken bezweifelt, läuft das auf das Eingeständnis hinaus, daß die Linke unfähig ist, sich in die nationale Politik einzuschalten Es ist keine Linke, von der man verlangen kann, sich mit den Folgen der Globalisierung auseinanderzusetzen.« Rorty eröffnet diesen unfähigen Linken eine letzte Chance, sich zu wandeln, und macht zwei Vorschläge. Der eine lautet auf vorläufige Einstellung ihres »Theoretisierens« und Aufgebens ihrer » philosophischen Pose«, der andere zielt auf eine Mobilisierung der »Überreste unseres Stolzes als Amerikaner«.

Resumee

Am 20. Januar 2017 wurde vor dem Kapitol in Washington ein Mann namens Donald Trump als 45. Präsident Vereinigten Staaten vereidigt, der diese Vorschläge Richard Rortys in seiner Inaugurationsrede exakt umgesetzt hat: ohne jegliche philosophische Pose, aber mit aller rhetorischen Mobilisierungskraft, was die Überreste des »Stolzes als Amerikaner« betrifft, als hätte Rorty ihm, Donald Trump, dem republikanischen Sieger über das eigene wie das demokratische Establishment der Barack Obama und Hillary Clinton diese Rede persönlich geschrieben:

»Wir, die Bürger Amerikas, haben uns in einer großen nationalen Kraftanstrengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen. […] Zu lange hat eine kleine Gruppe die Vorteile der Regierung genossen, während das Volk die Kosten zu tragen hatte. Washington florierte, aber das Volk hatte keinen Anteil an diesem Reichtum. Politikern ging es immer besser, aber die Arbeitsplätze verschwanden und die Fabriken schlossen. Das Establishment schützte sich selbst, aber nicht die Bürger dieses Landes. Ihre Siege waren nicht eure Siege. Ihre Triumphe waren nicht eure Triumphe. Und während sie in der Hauptstadt der Nation feierten, hatten die bedrängten Familien überall in unserem Land wenig zu feiern. All das ändert sich von genau diesem Moment an und genau von diesem Ort aus, denn dieser Moment ist Ihr Moment, er gehört Ihnen. [..1 Der 20. Januar 2017 wird in Erinnerung bleiben als Tag, an dem das Volk wieder der Herrscher dieser Nation wurde. Die vergessenen Männer und Frauen dieses Landes werden nicht länger vergessen sein. Jeder hört Ihnen jetzt zu. […] Im Zentrum dieser Bewegung steht die entscheidende Überzeugung, dass eine Nation existiert, um ihren Bürgern zu dienen. […] Aber für zu viele unserer Bürger existiert eine andere Realität. Mütter und Kinder, gefangen in Armut in unseren Innenstädten, verrostete Fabriken, wie Grabsteine über die Landschaft unserer Nation verstreut. Ein Erziehungssystem, voller Geld, das aber unsere jungen und schönen Schüler ohne Wissen zurücklässt.

über viele Jahrzehnte haben wir ausländische Volkswirtschaften bereichert, auf Kosten der amerikanischen Wirtschaft, haben die Armeen anderer Länder finanziert, während wir die Verarmung unseres Militärs zugelassen haben. Wir haben andere Länder reich gemacht, während der Wohlstand, die Stärke und das Selbstvertrauen unseres Landes am Horizont verschwunden sind. Unsere Fabriken schlossen eine nach der anderen und verließen unsere Gestade, ohne einen einzigen Gedanken an die Millionen und Millionen von amerikanischen Arbeitern, die zurückblieben. […] Ab diesem Tag wird eine neue Vision unser Land bestimmen. Von diesem Tag an heißt es Amerika zuerst, Amerika zuerst. Jede Entscheidung über den Handel, über Steuern, über Einwanderung,über die Außenpolitik wird so getroffen, dass sie amerikanischen Arbeitern und amerikanischen Familien nützt. Wir müssen unsere Grenzen schützen vor der Verwüstung durch andere Länder, die unsere Produkte nachmachen, unsere Unternehmen stehlen und unsere Arbeitsplätze vernichten. [..1 Wir werden unsere Jobs zurückholen. Wir werden unsere Grenzen zurückholen. Wir werden unseren Reichtum zurückholen. Und wir werden unsere Träume zurückholen. Wir werden neue Straßen und Autobahnen bauen und Brücken und Flughäfen und Tunnel und Eisenbahnen durch unsere ganze wunderbare Nation. Wir werden unser Volk aus der Wohlfahrt herausholen und zurück in die Arbeit. um unser Land mit amerikanischen Händen und amerikanischer Arbeit wiederaufzubauen. Wir werden zwei einfachen Regeln folgen: Amerikanisch kaufen, amerikanisch einstellen. Wir werden freundschaftliches Entgegenkommen bei den anderen Ländern der Welt suchen, aber wir werden das tun in dem Bewusstsein, dass es das Recht aller Nationen

ist, ihr Interesse voranzustellen. Wir wollen unsere Lebensweise niemandem aufzwingen, sondern sie leuchten lassen als Beispiel. […] Wenn man sein Herz dem Patriotismus öffnet, bleibt kein Raum für Vorurteile.«

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