DIE ZUKUNFT DER SCHULD … IST DIE ZUKUNFT DES WESTENS / Von Bettina Gruber

MESOPOTAMIA NEWS : “BOMBER HARRIS, DO IT AGAIN!”  

Take 1 »Mexikos Präsident hat den König Spaniens und den Papst in Briefen dazu aufgefordert, sich für die spanische Eroberung und Unterwerfung indigener Völker im 16. Jahrhundert zu entschuldigen. Es habe sich um eine Invasion gehandelt, bei der willkürlich die Völker unterworfen worden seien, sagte Andrés Manuel López Obrador am Montag in einer Video-Botschaft in den sozialen Netzwerken. […] López Obrador hatte zuvor gesagt, die spanische Eroberung sei mit Schwert und Kreuz erfolgt.« (»Mexiko fordert für Eroberung Entschuldigung von Papst und Spanien«, in: Märkische Allgemeine, 26.03.2019)

 Take 2 »Frauen, die sich gegen Nachwuchs entscheiden, sind die mutigen Vorreiterinnen einer Bewegung, die an Zuspruch gewinnen muss, wenn unser vom westlichen Lebensstil maßlos ausgebeuteter Planet noch länger bewohnbar und lebenswert bleiben soll.« (Amazon-Text zu Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest.) – »V.B. ist 38 Jahre alt, Buchautorin und bezeichnet sich als extrem umweltbewusst. Die hauptberufliche Lehrerin verzichtet auf Flugreisen, lässt so gut wie immer das Auto stehen, ernährt sich vegetarisch − und wird keine Kinder bekommen. Denn die […] ›seien das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann‹.« (»Keine Kinder der Umwelt zuliebe!«, in: Focus Online, 09.03. 2019)

 Take 3 »Because most of y’all don’t even realise or refuse to acknowledge that your existence, privilege and success is built on the backs, blood and death of people of colour. Your entire existence is drenched in racism. […] Once white people begin to admit that their race is the most violent and oppressive force of nature on Earth, then we can talk.« (Das britische Trans-Model Munroe Burgdorf, zit. nach: Sophie Liebnitz: Tote weiße Männer lieben. kaplaken, Bd. 52, Schnellroda 2018)

 

Schuld ist die zentrale Obsession des Westens. Dank eines jahrzehntelangen Marschs »linksliberaler« Ideologen durch den Staatsapparat, insbesondere das Bildungssystem, beherrscht sie die staatliche Rhetorik und die »Zivilgesellschaft« gleichermaßen. Zwischen Politiker, Kirchenvertreter und Aktivisten der führenden NGOs passt, was die »Schuld« betrifft, kein Blatt Papier.

 

Nicht alle westlichen Staaten sind gleichermaßen betroffen. Die führenden guilt-mongers sind die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland. Frankreich scheint etwas resistenter zu sein, Österreich ebenfalls, die osteuropäischen Staaten, die nur politisch und militärisch, nicht aber mentalitätsmäßig zum Westen gehören, sowieso. Ideengeschichtlich ist es sicher kein Zufall, dass die fast uneingeschränkt Schuldbereiten überwiegend in protestantisch geprägten Ländern leben. Das ist schon mehrfach angemerkt worden, und ebenso häufig ist die Schuld-Manie als ein in christlicher Tradition stehendes religiöses Phänomen interpretiert worden. Diese Parallele überzeugt jedoch nur begrenzt. Meist bezieht sie sich vage auf das Konzept der Erbsünde.1 

 

Gerade an ihm lassen sich aber Unterschiede aufzeigen. Das Konzept verweist auf die Fehlbarkeit des Menschen als Gattungswesen, die sich in jedem Einzelnen ohne sein Zutun manifestiert. Als anthropologische Konstante wird sie dem Individuum nicht angelastet. Sie ist ja ausnahmslos allen Menschen zu eigen außer der Gottesmutter. Widersprüchlich ist dagegen die Vorstellung von Schuld, die im Westen dem politischen Diskurs zugrunde liegt und von den postkolonialen Ländern

 

(Auf Unterschiede zwischen den Konfessionen kann hier nicht eingegangen werden. Es geht lediglich um die Vorstellung einer dem Individuum immer schon mitgegebenen Form von Schuld.)

 

gerne aufgegriffen wurde. Eine solche wird praktisch exklusiv »den Europäern«, »den Weißen« oder »dem Westen« zugesprochen, die damit zu Trägern einer speziellen okzidentalen Erbschuld avancieren, von der die übrige Weltbevölkerung verschont bleibt. Diese Konstruktion nimmt den Einzelnen genauso in Haft wie die Erbsündenlehre, denn an besagter Erbschuld partizipiert angeblich jeder Europäer, jeder Weiße und jeder »Westler« (s. Take 3). Nichtsdestoweniger behandeln Propagandisten und Profiteure politischer Korrektheit sie zugleich als individuelle, aktive Schuld, die unablässig getilgt werden müsse – was freilich aufgrund der Prämisse, es handle sich um eine Art peccatum originale, nicht möglich ist.

 

Dieser Widerspruch ist außerordentlich profitabel. Er erzeugt und legitimiert einen unversiegbaren Strom von Spenden, Hilfsgütern, Reparationen, Klimawandelmaßnahmen und Schuldeingeständnissen. Von der Erbsünde unterscheidet sich das moderne Schulddispositiv ferner dadurch, dass es kollektive Handlungsmöglichkeiten, und damit Handlungsnotwendigkeiten suggeriert. Die Erbsünde ist unumkehrbar gegeben; die Schuld an Klimawandel und Kolonialismus muss emsig abgebaut werden. Daraus erwachsen Handlungsimperative, die sich in die Quere kommen können. Beim Abbau von CO2 etwa geraten zwei Schulddiskurse – der vom europäisch verursachten Klimawandel und der von der Kolonialschuld – auf fast schon komische Weise in Konflikt: Der stärkste Verursacher von CO2 ist nicht der europäische Verkehr oder die Industrie, sondern die Bevölkerungsexplosion. Der zweite Diskurs (Kolonialschuld) verbietet es, die im ersten (Klimawandelschuld) postulierten Probleme effizient in Angriff zu nehmen. Niemand wagt es, die Überbevölkerung und ihre Verursacher in Afrika und Indien kritisch anzusprechen, denn das wäre kolonialistisch – Schulddiskursblockade!

 

Nun liegen die Dinge in Sachen Schuld in Deutschland etwas anders als im Fall einer klassischen Kolonialmacht wie Großbritannien oder in einem traditionellen Einwanderungsland wie den USA. Das Zentrum der deutschen Schuld ist begreiflicherweise die Schoah. Die Erinnerung an sie hat in Staat und Gesellschaft identitätsstiftende Bedeutung erlangt. Gerade hier aber zeichnen sich Verschiebungen ab. Zwar ist der Holocaust nach wie vor der zentrale Referenzpunkt des Schulddiskurses (und wird es wohl auch bleiben). Die Zahl der Zeitzeugen jedoch sinkt rasch, und gleichzeitig wächst der islamische Bevölkerungsanteil durch Zuwanderung und höhere Fertilität. Schon in ein, zwei Jahrzehnten wird von der veränderten Bevölkerung in Deutschland die Teilnahme am Schulddiskurs nicht mehr erwartet werden können. Viele Zuwanderer fühlen sich von ihm nicht angesprochen, und viele von ihnen bringen zudem einen massiven Antisemitismus mit.

 

Das  Verschwinden der Täter- und Opfergeneration und der demografische Wandel werden die Ökonomie des  offiziellen Diskurses in Politik und Medien nachhaltig verändern. Vermutlich wird demnach die Erinnerung an die Schoah ihre zentrale Stellung verlieren, und ein mit migrantischen Gruppeninteressen gut kompatibler Postkolonialismus wird erstarken.

 

Die inflationäre Verwendung des Wortes »Nazi« ist ein Vorbote dieser Entwicklung. Sie mag den Anschein erwecken, der Nationalsozialismus bilde den ständig präsenter werdenden Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung. Aber je häufiger das »Nazi«-Wort  gebraucht wird, desto diffuser wird sein Inhalt. Der Ausdruck bezeichnet, wie schon mehrfach festgestellt, längst keine konkrete historische Gestalt mehr. Der Allround-Nazi ist ein universaler Unhold, aber seine unablässige Beschwörung hat ihre Tücken. Die Überdehnung des Begriffs schafft nämlich Raum für neue Formen von Schuld. Die alteingesessenen Deutschen werden künftig wohl hauptsächlich an der »Schuld des weißen Mannes« mitzutragen haben. Wie funktioniert diese Schuldzuweisung? Die Beschwerde des mexikanischen Präsidenten zeigt sehr schön, dass es um historische Plausibilität gar nicht geht (Take 1).

 

Die Beschuldigung ist schon  deshalb skurril, weil Mexiko als moderner Staat nach westlichem Muster ohne die Europäisierung seine heutige Gestalt gar nicht erlangt hätte. Skurril ist sie aber auch deshalb, weil die Völker, in deren Namen solche Anschuldigungen erhoben werden, in aller Regel selbst keineswegs auf eine friedliche

 Geschichte zurückblicken. Auch die Azteken, denen wir das Wort »Mexico« verdanken, waren keine liebenswerten Wilden rousseauistischer Provenienz. Das Phantom des »unschuldigen Naturvolks« geistert als Ausgeburt der Perückenzeit noch immer umher und hat mit schlafwandlerischer Sicherheit seinen Weg in die Parteizentralen der Grünen gefunden. Wenn López Obrador die »spanische Eroberung mit Schwert und Kreuz« anklagt, sollte er die Gebräuche der vorkolonialen Mexikaner einbeziehen: »Die Azteken sind berüchtigt für ihre religiös motivierten Menschenopfer, die sie in großer Zahl ausführten.

 

Dazu wurden gefangene Krieger, Sklaven, aber auch Kinder verwendet. […] Ein Verfahren der Opferung bestand darin, die Menschen einzeln auf der Spitze der Pyramide auf einem Opferstein an ihren Armen und Beinen festzuhalten und ihnen mit einem Steinmesser das Herz herauszuschneiden. Der Priester bespritzte sich selber und die Götterstatuen mit dem frischem Menschenblut. Die Leiche wurde anschließend die steilen Steinstufen hinabgeworfen. […] Kinder wurden in Käfigen zugunsten des Regengottes Tlaloc zum Weinen gebracht und man ließ sie verhungern.« (Wikipedia, Stichwort »Azteken, 8.2. Opferpraktiken«) Solche Zustände scheinen keine moralische Überlegenheit zu begründen, auch nicht gemessen an dem, was sich gleichzeitig in Europa abgespielt hat. Aber was Lopéz Obrador dazu bewegt hat, sich derartig zu exponieren, ist nichtsdestoweniger offenkundig. Peter Sloterdijk beschreibt in Zorn und Zeit, seiner großen Geschichte der Weißglut, die Entstehung von »Ressentiment«- und »Zornbanken«, Depots kollektiver Gefühle, die sich nur aufbauen können, weil der Zorn Ziele findet, denen sich Schuld zurechnen lässt. Mehr noch als der sorgfältig gehegte Groll beschafft die Gelegenheit, ein (solventes westliches) Gegenüber als moralischen Schuldner zu qualifizieren, ein symbolisches Kapital, das sich verlässlich in monetäres umwandeln lässt. Der Anreiz zur Veropferung ist  somit erheblich.

 

Prämiert werden Niederlagen, sofern man andere für sie verantwortlich machen kann. Gut nachvollziehbar sind die Motive jener, die von einer konstruierten oder tatsächlichen Schuld westlicher Mächte profitieren wollen. Weniger leicht zu

 erklären ist es, warum der Westen dieses Spiel zumeist mitspielt, ja in vorauseilendem Gehorsam selbst betreibt. (Im Fall des jüngsten mexikanischen Vorstoßes allerdings reagierten die Beschuldigten abweisend, ja empört. Offenbar sind die Spanier und der Vatikan weit weniger schuld- und sühneanfällig als etwa die Deutschen.) Aufschlussreich ist hier vermutlich das Zusammenspiel zweier Faktoren: Zum einen liegt die Kulpabilität im Wesen sozial egalitärer Demokratien. Diese tun sich schwer damit, bestehende Ungleichheiten zu rechtfertigen, denn eine ihrer Daseinsberechtigungen ist die Verpflichtung, sie zu beseitigen. Folgerichtig werden hier immer neue Ungleichheiten entdeckt, und es formieren sich »inverse Eliten« der Hilfsbedürftigen und Noch-nicht-Gleichgestellten. Das Gleichstellungspostulat gilt zunächst innenpolitisch, doch wird es nun auf Länder übertragen, für die man Verantwortung  übernimmt, was den Staat in seiner Bedeutung bestätigt. Durch universalistische Werte legitimiert, benötigt er deren beständige Demonstration.

 

Zum anderen erliegen die westlichen Gesellschaften einer fatalen Fehleinschätzung.

 

Grundsätzlich neigt keine ethnische und keine Religionsgemeinschaft dazu, sich für alle möglichen Übel schuldig zu bekennen. Niemand, sollte man annehmen, hat ein Interesse daran oder fühlt sich verpflichtet, sich selbst zu schaden. Dass es immer noch Leute gibt, die den »Weißen« die Stärke und Bereitschaft zutrauen, eine Art irdischer Gesamtschuld zu verkraften, zeugt von hartnäckiger Realitätsverweigerung. Diese Leute, die sich selbst als progressiv und humanistisch beschreiben würden, leben immer noch in der Nachkriegszeit. Sie haben weder den Aufstieg Chinas noch die demografische Entwicklung und die Ausbreitung des Islam wirklich zur Kenntnis genommen. Um im Luxus der Schuld (der Cartier und Dior des moralischen Lebens) zu schwelgen, muss man einer Gesellschaft angehören, deren Sicherheit, Wohlstand und Vormachtstellung garantiert sind. Das ist (für den Westen) längst nicht mehr der Fall, für Europa schon gar nicht. Die freiwillige Übernahme universeller westlicher Schuld beruht auf einer gründlichen

 Verkennung der Lage. Hier stellt sich die Frage nach den Funktionen der Schuld für die Schuld-Gesellschaft beziehungsweise die Schuld-Ethnie selbst. Schuld zu haben, setzt ein Subjekt voraus, das sie übernehmen kann. Kinder, Geisteskranke, Demente, Betrunkene u.a. können des- halb vor Gericht als »nicht schuldfähig« oder »unzurechnungsfähig« bezeichnet werden. Die Fähigkeit, Schuld zu übernehmen, ist somit auch eine Auszeichnung. Der Wahn, einer Kultur anzugehören, die schlichtweg an allem Schuld tragen soll, ist aber eine Spielart des Präpotenzwahns. Das unbegrenzte Schuldeingeständnis kennzeichnet einen Überwertigkeitskomplex. Nur der Stärkste kann an allem schuld und zugleich imstande sein, für diese Schuld Wiedergutmachung anzubieten. In gewisser Weise übersteigt der hypermoralische Größenwahn noch den Überlegenheitsanspruch der Kolonialisten. Diese gefielen sich zwar in der Rolle von Vormündern unterworfener Völker, verfügten aber tatsächlich über die Macht, die sie sich zuschrieben. Wer ständig von »der« Schuld »des« weißen Mannes redet, entlarvt sich als selbstgefällige weiße Person, die sich per Schuldeingeständnis unangreifbar machen will – nicht minder herablassend und paternalistisch als manche Kolonialisten.

 

Aber die Selbstzuschreibung bringt noch weitere Vorteile. Die eigene Schuld macht die anderen und damit die Welt kontrollierbar. Die anderen erscheinen als vergleichsweise harmlos. Das Böse steckt (nur) in einem selbst, in der eigenen Kultur, und lässt sich

 somit beherrschen. Den Hass, der uns im islamischen Terrorismus entgegenschlägt, können wir nicht steuern, unser eigenes Verhalten dagegen sehr wohl. Wenn der »Westen«, »Europa« oder das Christentum seine Schuld endlich abgebüßt haben wird, dann – bilden wir uns ein – wird auch der Hass versiegen. Schuldhaftigkeit als Konzept erfordert die Existenz eines für sein Handeln verantwortlichen Subjekts. Doch das Subjekt von Massen- und Völkermorden lässt sich – ungeachtet der entsetzlichen Schuld, die entstanden ist – nicht eindeutig identifizieren: Wer genau trägt die Schuld an den stalinistischen Morden? Die Täter in den Lagern? Die Justiz? Die Partei? Stalin? Lenin, weil er diesen autokratischen Staat auf den Weg gebracht hat? Der Bolschewismus als Ideologie? Der Marxismus? Der Sozialismus insgesamt? Der russische Feudalismus? Der Kapitalismus? Der Zar persönlich, weil er den Reformbedarf nicht erkannt hatte? Oder gar »die Russen« als Kollektiv? Schuld  besteht – sie ist eine metaphysische Realität. Auf der politischen Bühne jedoch resultiert sie immer aus einem Zuschreibungsverfahren, und dieses ist zwangs- läufig politisch, also interessengeleitet. Dass sie eines verantwortlichen Subjekts bedarf, war (etwa bei Foucault) ein wesentliches Motiv für die postmoderne Zersetzung des Subjektbegriffs.

 

 Ironischerweise schlug gerade mit der Postmoderne der Schulddiskurs die öffentliche Meinung in seinen Bann. Nun kommen die Vertreter einer historischen Kollektivschuldthese (die absurde und bösartige Formen annehmen kann: »Bomber Harris, do it again!«) meist aus ebendieser dekonstruktivistisch geprägten Linken. Die von ihnen angeklagten Kollektive lassen sie gewöhnlich gerade nicht als Subjekte gelten. Wenn es aber keine »Nation«, kein »Volk«, kein »Wir« gibt, dann kann diesem auch keine Schuld zugewiesen werden. Dennoch existieren aus dieser hegemonialen Sicht Europäer nur mehr als Träger von Schuld. Die Aussprüche des Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck liefern gute Beispiele für dieses Paradox: Nach seiner Überzeugung gibt es kein deutsches Volk. Nichtsdestoweniger hat dieses nichtvorhandene Volk gerade in den Augen der Grünen eine ganz Reihe auf ihm lastender Verpflichtungen.

 

Die Absurdität der Konstruktion spricht für eine psychische Notlage. So bietet Schuld Linksgrünen die letzte Möglichkeit, ein Kollektivsubjekt und damit eine übergeordnete Identität zu erleben. Deren Betonung wird bei Minderheiten mit Sympathie und Rührung quittiert, gilt bei einheimischen Europäern als antiquiert, illusionär und extremistisch. Die Anerkennung der Schuld hebt die Bodenlosigkeit der Linksgrünen auf und

 erzeugt einen enormen, wenn auch paradoxen moralischen Bonus. Den uneingestandenen Genuss, den diese philiströse Haltung bereitet, sollte man nicht unterschätzen. Worin also liegt – abgesehen von der für Deutschland abgegebenen Prognose – die Zukunft der Schuld? Ihre (ebenfalls unerfreuliche) historische Normalität ist nämlich die genaue Umkehrung der derzeitigen westlichen Praxis. Hier wird der Kollektivschulddiskurs zurückgewiesen, während gleichzeitig die historischen Leistungen des Kollektivs gern in Anspruch genommen werden. Exemplarisch dafür steht der Umgang der Erdog˘an-Türken mit der Vergangenheit ihres Landes: Man beruft sich gerne auf osmanische Glorie, der Genozid an den Armeniern aber darf nicht als solcher bezeichnet werden.

 

Das Kollektiv tritt als Sieges- und Glanz-, aber nicht als Schuldkollektiv in Erscheinung. Dass diese Haltung genauso wenig realitätsadäquat, aber politisch ungleich effizienter ist, steht außer Frage. Die Kollektivbildung über Schuld stellt eine ganz spezifische Ausnahme dar. Sie beharrt auf einer längst ins Wanken geratenen westlichen Überlegenheit, die gebunden ist, die sich mit jedem Jahr weiter ins historische Nirwana verabschiedet. Es ist daher höchste Zeit, dass ein Ethnozentrismus mit Augenmaß an die Stelle der derzeitigen Schuldseligkeit tritt. Das beschädigte Verhältnis zur eigenen Kultur muss durch die Erinnerung an ihre Leistungen, ihre Spiritualität, ihren Freiheitsdrang und ihre bislang unerschöpfliche Regenerationsfähigkeit erneuert werden. Dies ist vor allem eine Aufgabe des Bildungswesens, das auf schulischer wie universitärer Ebene unausgesetzt das Gegenteil verbreitet. Sollte dieser cultural turn nicht gelingen und ein autoaggressiver Schuldwahn weiter das Movens politischen Handelns bilden, wird ein Kulturkreis ohne Selbstachtung in absehbarer Zeit von der Landkarte der Kulturen verschwunden sein.

 

Aus TUMULT Sommer 2019