ALLES FASCHISTEN !
Das armenische Trauma – Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.01.2012, Nr. 4, S. 6.
Erdogans Ansprache gipfelte in den Vorwürfen, in Paris seien “Rassismus” und womöglich gar heraufziehender “Faschismus” am Werke. Durch das Gesetz sei Paris im Begriff, ein “Massaker an der Meinungsfreiheit” zu begehen, sagte Erdogan.
http://fazarchiv.faz.net/document/showSingleDoc/FAST__SD1201201293382463?DT
II) ALLES FASCHISTEN – KOMMENTAR
Wer heute einen politischen Gegner identifiziert, nennt diesen umstandslos am besten einen „Faschisten“. – Drunter oder differenzierter geht es nicht mehr.
Erdogan erkennt in Frankreich „Faschismus“. Kurden nennen die Politik seiner AKP Partei „faschistisch“. Im Gegenzug bezeichnet Erdogan die Mitglieder der PKK als „Faschisten“.
Ein Ball von Burschenschaftlern in Wien am Wochenende wird den Demonstranten zu einem Faschistentreffen.
Das Faschismus nicht gerade nur eine Tanzveranstaltung war und daß die bescheuerten Burschenschaftler zwar politisch rechts denken mögen, ihre Existenz aber auf den Republikanismus des „Völkerfrühlings“ von 1848 zurückgeht – und die Nazis selber schließlich auch nicht viel für sie übrig hatten : das alles interessiert nicht, wenn es um den Kampf zur Verwendungshoheit über die härteste Beschimpfungs-Kategorie überhaupt geht: „Faschismus“.
Das Berlusconi-Blatt „Il Giornale“ bezeichnet am 30. Januar die Bundesrepublik als nazistisch und bemüht einen direkt erzwungenen Vergleich von den KZ’s zum Fiskalpakt. In griechischen Publikationen wird Angela Merkel nahezu routinemäßig mit Hitlerbart dargestellt. Im United Kingdom ist die Sache mit der Aktualität des deutschen Faschismus ohnehin an der Tagesordnung.
Ein ausschließlich deutsches Problem ist das aber alles nicht: Syrische Oppositionelle bezeichnen das Baath Regime als „Faschistisch“, das umgekehrt von „faschistischen Banden redet“.
Die Propagandisten des Stereotyps, nach deren hirnloser Rechnung nur zwei Populationssorten existieren, nämlich sie (die Guten) und dann noch die Faschisten, pflegen ein manichäisches Weltbild, nach dessen politischer Logik die Erde immer noch nur eine Scheibe mit zwei Seiten ist.
Bei diesem munteren Spiel entfesselter Idiotie, das jeweils umso besser gelingt, wie die beteiligten Aktivisten immer weniger von historischen Zusammenhängen und kategorialen Überlegungen wissen, entgeht ihnen, daß die klar definierte Begrifflichkeit des Faschismus von ihnen selber inflationär aufgefressen wird. Die Bezeichnung „Faschismus“ verliert wegen der Maßlosigkeit ihrer entgrenzten Verwendung ihre Schärfe und am Ende jegliche Bedeutung.
Praktisch hat dies allerdings den Vorteil, das schlußendlich wahnhaft jeder über jeden herfallen darf.
(MESOP KOMMENTAR)