VERSCHWÖRUNGSTHEORIE Was geschah am 11. September 2001? / Die ARD präsentiert ein Panorama der Unsicherheiten
Von Raphael Gross – Schon vor dem Terroranschlag vom 11. September 2001 hatte sich Mathias Bröckers für Verschwörungstheorien interessiert. Lückenlos fügte sich so sein neues Thema an sein altes. Mit ungeheurem logischem Scharfsinn und vielleicht noch größerer Energie versuchte er zu beweisen, daß wir alle einer ganz großen 9-11-Verschwörung zum Opfer gefallen seien. Kein Detail der uns bekannten Vorgänge des Terroranschlags vom 11. September war klein genug, als daß es nicht von ihm hinterfragt würde. Kein Leichenteil zu unbedeutend, daß es nicht die offizielle Darstellung aus seiner Sicht in fundamentalster Weise in Frage zu stellen vermochte. Unter dem Titel “Der Einsturz eines Lügengebäudes” hat er zusammen mit Christian Walther nun ein weiteres Produkt dieser Beschäftigung vorgelegt, welches bei Amazon schon unter den Bestsellern figuriert.
Ist die Welt nicht kompliziert genug, als daß wir uns noch die paranoiden Pseudoenthüllungen von festgefahrenen Journalisten antun müßten? Nur: Ab wann wird das Hobby von ein paar verbissenen Vertretern eines paranoiden Weltbilds so relevant, daß wir uns damit beschäftigen müssen? Wann reicht es nicht mehr, fest darauf zu bauen, daß unsere vernünftigen Zeitgenossen sich ihr kritisches Urteil schon selbst bilden werden? Wann verwandelt sich die seltsame Welt des Verschwörungsjägers plötzlich zum wichtigen Beitrag eines kritischen Zeitgenossen? Wann stilisiert er sich nicht mehr nur selbst als einzig wahrer Aufklärer, sondern wird auch von anderen als solcher gefeiert? Denn der Argwohn des Paranoikers ist, das tendieren wir zu unterschätzen, fundiert durch eine mächtige Portion Skepsis gegenüber allem und jedem. Das imponiert leicht.
Hier sehen wir schon, wie sich aus einer zu vernachlässigenden Verschwörungstheorie ohne allzu viele Umstände plötzlich eine scheinbar kritische Position entwickelt. Denn die ausgefeilten Verschwörungstheorien kommen nicht als Behauptung daher, daß dies oder das geschehen ist. Sie argumentieren genau umgekehrt: Warum glaubt ihr eigentlich, daß das, was ihr gesehen habt, nicht manipuliert war? So erfährt man nie, was eigentlich geschah, sondern es wird mit großem Fleiß ein Panorama der Unsicherheiten aufgebaut.
Erst am Ende, wenn man alles zusammenzieht, ergibt sich das Bild: Wir wissen nicht, wer die “Hintermänner” waren, wir wissen nicht, wer die “Finanzierung” der Anschläge betrieb, wir wissen eigentlich gar nichts. Wer sich in den Einzelheiten verfängt, wird bald den Überblick verlieren. Er wird dem Irrsinn folgen. Die meisten Menschen werden zwar skeptisch, wenn man ihnen mit solchen Theorien kommt – aber ein gewisses Interesse an unorthodoxen Gedanken ist doch normal. Und was, wenn solche Theorien nicht nur von leicht sektiererisch wirkenden Menschen vertreten werden, sondern diese ihre Ansichten unter voller Zustimmung eines staatlichen Fernsehprogramms verbreiten können?
Darum ist es nicht unerheblich, wenn in der ARD am letzten Sonntagabend das Buch der beiden Verschwörungsjäger mit Lob überhäuft wurde. Es ist nicht nur ärgerlich, daß offenbar jegliche Überwachungsinstanz bei der ARD – einem Sender, der sich seit Jahren sehr redlich um historische und politische Aufklärung in diesem Bereich kümmert – in skandalöser Weise versagt hat. Die paranoide Perspektive erhält in dem neuen Kontext auch eine zusätzlich unangenehme Dimension. Denn wenn es – wie in dem Beitrag unterstrichen wird – angeblich nicht bewiesen sei, daß Al Qaida mit dem 11. September etwas zu tun habe, und wenn Präsident Bush schon im Voraus von dem Anschlag gewußt haben sollte, dann stellen sich unweigerlich Fragen, die man lieber nicht in dieser Weise diskutiert haben möchte: Wer hat denn dies alles orchestriert? Wer hat davon profitiert? Und wenn solche Fragen gestellt werden sollen, dann hängt sich daran die Frage an, ob wir es hier mit nur leicht verdecktem öffentlich subventioniertem Antisemitismus und Antiamerikanismus zu tun haben?
Ich erinnere mich, wie einmal in einer Vorlesung in Cambridge der Kulturhistoriker George L. Mosse über die Frage nachdachte, ob denn die von ihm auf der ganzen Welt in vielen Antiquariaten zusammengesuchten paranoiden völkischen und antisemitischen Texte noch ein Gefahrenpotential darstellten. Mosse meinte – und dabei bezog er auch explizit Adolf Hitlers “Mein Kampf” mit ein -, daß aus seiner Sicht von all diesen Büchern heute nur noch sehr wenig Gefahr ausgehe. Kaum jemand lese sie mit wirklicher Begeisterung. Eine Ausnahme machte er dabei: Die Protokolle der Weisen von Zion. Zwar sei auch diese wieder und wieder als Machwerk entlarvte Verschwörungsgeschichte keine wirklich packende Lektüre – aber schon das Gerücht, in diesen Protokollen werde eine große Verschwörung entlarvt, mache sie bis heute attraktiv.
Es ist nicht das Problem von Verschwörungstheoretikern, daß sie nicht fleißig genug recherchieren würden. Ganz im Gegenteil. Es ist auch nicht so, daß es keine Logik in ihren einzelnen Schlüssen gäbe. Sie besitzen sogar oftmals recht viel Scharfsinn. Dies verbindet sie mit Theoretikern, wie sie Mosse gesammelt hatte: Rassentheoretikern, Rassenanthropologen, Eugenikern et cetera. Sie sind zwar Irre – aber durchaus alle scharfsinnig im Detail. Und der Irrsinn ist nicht, daß sie nicht logisch denken, auch nicht, daß sie nicht empirische Befunde suchen würden. Was ihnen gänzlich fehlt, ist Urteilskraft. Dieser gravierende Mangel zeichnet den Verschwörungstheoretiker geradezu aus. Und leider verbindet ihn dies dann aus meiner Sicht auch mit denjenigen in der ARD, die diese Hymne auf die Verschwörungstheoretiker des 11. September 2011 zu verantworten haben.